Ian Graham

BLACK SHUCK: ALTE WUNDEN

Thriller

PERFECT PAPERBACK
528 Seiten
ISBN: 978-3-95835-124-0
eISBN: 978-3-95835-125-7
ERSTERSCHEINUNG: 2016

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BeschreibungAutorMeinungen zum BuchJetzt reinlesen

NICHTS bleibt für immer verborgen …

Viele Jahre lebte Declan McIver, ein ehemaliger IRA-Terrorist, unter dem Radar – als erfolgreicher Geschäftsmann, verheiratet mit einer schönen Frau – aber sein Leben sollte sich schlagartig ändern.
Als ein Treffen mit einem alten Freund buchstäblich in Flammen aufgeht, findet sich Declan auf der Flucht vor einer schattenhaften Verschwörung wieder, die vor nichts Halt macht, um ihre niederträchtigen Absichten um ein streng gehütetes Geheimnis zu wahren.

Um zu überleben, muss er an sein altes Leben anknüpfen – etwas, wohin er nie zurückkehren wollte. 
Als seine Identität offenbart wird, sich die Ereignisse überschlagen und alles außer Kontrolle gerät, muss sich Declan entscheiden, welchen Preis er für diesen Kampf zu zahlen bereit ist.

Intrigen, Machtspiele, der Kampf um die nackte Existenz … eine explosive Mischung, die spannende Lesestunden verspricht.

Ian Graham kam an einem 4. Juli in New Hampshire zur Welt und feiert bereits in der dritten Generation seiner Familie gemeinsam mit den Vereinigten Staaten von Amerika Geburtstag. Er arbeitet seit je als Privatunternehmer und interessiert sich für Politik, Religion sowie Geschichte. Seine Erzählungen und Figuren handeln von brisanten Konflikten, die entstehen, wenn diese drei Gebiete aufeinandertreffen.
Seine Werke wurden bereits in Anthologien veröffentlicht, wo er sich zwischen Beststeller-Thrillerautoren tummelte, etwa Matt Hilton, Stephen Leather, Adrian Magson und Zoe Sharpe. Ian lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in den Blue Ridge Mountains im Osten der USA.

Was mir Spaß gemacht hat, ist die spannungsvolle Reise durch die Geschichte der IRA, durch die Welt der Politik und der Meuchelmörder. Geschichtliche Fakten wurden super mit Fiktion gemischt. Das war wieder mal ein Buch, das ich erneut lesen werde! [Rosty, Lovelybooks]

Alles in allem ist dieser Thriller absolut lesenswert für alle die auf Agententhriller und Thriller mit Hintergrund IRA stehen. Ich habe es nicht bereut und würde mich freuen mehr von diesem Autor lesen zu können. [Wittkat Matthias, Amazon]

Ende September 2004, Grenze zwischen den USA und Mexiko

Juan Ramirez schraubte den Deckel von seiner Zweiliter-Thermoskanne ab und spritzte sich warmes Wasser ins Gesicht, mit dem er die Schweißperlen abwusch. Nachdem er kurz daran genippt hatte, gab er sie seinem Sohn Ignacio und drehte sich halbherzig zu den zwölf Männern um, die hinter ihm standen. Ihm war flau im Magen. Gleich als er die Kerle gesehen hatte, wäre er am liebsten davongelaufen. Etwas an ihnen ängstigte ihn.
  »Señores, wir sind bald da. Jetzt müssen wir besonders vorsichtig sein. Falls Sie etwas trinken wollen oder eine kurze Pause benötigen, dann bitte jetzt. Sobald wir die Grenze überqueren, können wir nicht mehr haltmachen, bis wir auf Ihre Freunde stoßen.«
  Letzten Endes hatte er seine Furcht mit gesundem Menschenverstand überwunden. Wäre er seinem Instinkt gefolgt, hätte er sich vor seinen Auftraggebern rechtfertigen und dann auf eine Bestrafung einstellen müssen – eine beunruhigende Vorstellung, weil er sicher zu wissen glaubte, sie seien Mitglieder eines der vielen Kartelle, die in der Gegend aktiv waren. Stattdessen hatte er beschlossen, die Bedingungen seines Kontrakts zu erfüllen und das Dutzend durch die Wüste New Mexikos auf eine verlassene Ranch zu bringen. Dort sollte jemand warten, um sie tiefer ins Land zu bringen, woraufhin Juan ihnen, wie er hoffte, nie wieder begegnen würde.
  Einige quittierten seine Ankündigung mit heiserem Stöhnen. Sie waren seit Stunden unterwegs und standen jetzt 100 Yards vor dem mexikanischen Grenzübergang in die USA, wo einzig ein niedergetrampelter Stacheldrahtzaun darauf hindeutete, dass sie gleich anderes Staatsgebiet betraten. Nun da sie knapp weniger als die Hälfte ihrer Reise hinter sich hatten, erweckten die Männer schon den Eindruck, von der morgendlichen Hitze erschöpft zu sein; sie ließen sich langsam auf die staubige Erde nieder und öffneten ihre Feldflaschen.
  Juan mied Blickkontakt, während er die Gesichter rasch betrachtete, die er vor sich hatte. Alle waren rot von der Sonne, die seit etwas mehr als einer Stunde auf sie herunterbrannte. Schweiß rann von ihren Köpfen. Er erkannte, dass ihnen die Temperaturen zusetzten, aber sie sahen wohlbehalten aus – keine Anzeichen von Hitzschlägen.
  Anhand des kehligen Klanges der Sprache, in der sie sich unterhielten, mussten es Europäer sein, vielleicht Slowenen oder Rumänen. Fest stand nur, dass sie deutlich kühleres Klima gewohnt waren, denn das zeigte sich deutlich: Die abgehärmten Züge, ihr blasser Teint und gebrochenes Englisch bedeuteten Juan, dass er es hier nicht wie üblich mit anderen Mexikanern oder Südamerikaner zu tun hatte, sondern mit einer Ethnie, die er nicht kannte und noch nie in die Staaten hatte kommen sehen.
  »Gehen wir weiter, Señores. Wir dürfen Ihre Freunde nicht warten lassen.«
  »Warum müssen wir so schnell aufbrechen?«
  Juan war sich nicht sicher, welcher Mann gesprochen hatte, doch der respektlose Unterton der Stimme ließ ihn trotz der gleißenden Sonne schaudern. »Señores, wenn wir unser Ziel erreichen möchten, darf man uns nicht entdecken; wir müssen uns möglichst zügig bewegen.«
  Zähneknirschend rafften sich die Fremden auf. Sie folgten Juan und Ignacio im Gänsemarsch über den demolierten Zaun in die Wüste, die sich dahinter erstreckte. Als sie die Grenze überschritten hatten, schlugen sie einen schnelleren Schritt an. Während er seine Augen mit der Hand vor der Sonne schützte, behielt Juan den Horizont genau im Blick. Was er sah, gab ihm keinen Grund zur Beunruhigung: Nur mit Felsen gespickter Sand, in dem hier und dort Wüstenbeifuß oder Kakteen wuchsen.
  Juan ließ sich zurückfallen und seinen 16-jährigen Sohn vorausgehen. Das Schlusslicht der Gruppe bildete derjenige der Zwölf, der am jüngsten aussah. Er mühte sich, um mit den anderen schrittzuhalten. Wenngleich es sich Juan wohlweislich verkniff, Fragen zu stellen, hätte er gern gewusst, woher die Männer stammten, und dieser eine kam ihm am umgänglichsten vor. Weder sein Gesicht noch die Arme waren vernarbt, allerdings wirkten die Kleider an seinem dürren Körper zu groß. Doch er hatte eine gewisse Ausstrahlung, die den anderen fehlte.
  »Señor, geht es Ihnen gut? Der Fußmarsch ist doch nicht zu anstrengend für Sie, oder?«, fragte Juan.
  Der junge Mann schaute ihn für einen Moment abfällig an, wobei seine Pupillen hin und her schnellten, als suche er etwas. Juan dachte kurz, er habe sich geirrt; vielleicht war der Kerl älter und abgeklärter, als er geglaubt hatte.
  »Mir geht es gut«, antwortete der Mann endlich. »Wie weit ist es noch?«
  »Wir werden die Ranch in etwas weniger als drei Stunden erreichen. Dort, wo Sie herkommen, ist es nicht so warm, richtig?«
  »Nein, im Kaukasus ist es kälter, und die Sonne … so wie hier habe ich sie noch nie gespürt.«
  »Das liegt am Sand, Señor. Er wirft das Licht zurück, sodass es sich noch heißer anfühlt. Wo liegt die Gegend, die Sie erwähnt haben?«
  »Die Republik Itschkerien befindet sich im Süden des Gebietes, das der Westen Russland nennt, wurde aber früher von einem unabhängigen Volk bewohnt – uns – und es wird uns, so Allah will, bald wieder gehören.« Der Mann hob den Zeigefinger seiner rechten Hand, während er das sagte.
  »Das reicht!«, grollte jemand weiter vorn. Die ganze Gruppe hielt inne, und Juan schaute auf. Alle zwölf starrten ihn an.
  »Ihre Aufgabe besteht darin, uns dort abzusetzen, wo wir hinwollen, nicht im Stellen von Fragen«, rief ein großer Mann mit einer langen, senkrechten Narbe an einer Seite seines Gesichts, während er zu Juan stapfte.
  »Verzeihung, Señor, ich wollte nicht unhöflich sein«, entschuldigte sich der Führer und schaute in den Sand. Dabei verschränkte er die Finger, damit seine Hände nicht zitterten, während ihn der Kerl anstierte.
  »Von jetzt an laufen Sie, statt zu quatschen«, fuhr er Juan an, ehe er sich dem Jüngeren zuwandte, mit dem jener gesprochen hatte.
  »Nasıl bu kadar aptal olabilir«, schrie er – »Wie konntest du nur so dumm sein?« – und ohrfeigte seinen Landsmann mit dem Handrücken, sodass dieser fast umgefallen wäre. Dann zog der große Mann den kleineren am Kragen mit sich, stieß ihn vorwärts und kehrte sich wieder Juan zu, um ihn erneut anzustarren. »Kafkasya'da size ölü olacaktı«, bellte er, während er auch ihn vor sich herschob: »Im Kaukasus wärst du tot.« Der Blick des Mannes ruhte ununterbrochen auf Juan, während er ihn zur Spitze der Gruppe drängte.
  »Dann gehen wir doch jetzt weiter, Señores«, schlug Juan mit bebender Stimme vor. Er wusste nicht, was der Kerl gesagt hatte, aber es konnte sich nur um eine Drohung handeln, und diese Männer gehörten einem Schlag an, der imstande war, Taten folgen zu lassen. So drehte er sich um und setzte sich, ein stummes Gebet sprechend, in Bewegung.
  Fast drei Stunden später drückte Juan Ignacios Schulter, als ein urtümlich wirkendes Gebäude in Sicht geriet. »Da«, sprach er und zeigte darauf. Nicht mehr lange, dann war er diese unsäglichen Typen los.
  Das Gehöft vor ihnen bestand aus ein paar rustikalen Bauten, alten Wassertanks und leeren Pferchen. Juan hatte sich nicht getraut, nach dem Schicksal der Rancher zu fragen, deren Land dies gewesen war. Neben den Gebäuden stand ein zerbeulter Kleinbus mit zerkratztem, abblätterndem Lack. Juan und Ignacio behielten die Umgebung genau im Blick, während sie sich näherten. Etwa 50 Yards vor dem Wagen blieben sie stehen.
  »Hier werden wir Sie zurücklassen, Señores. Ihre Freunde warten.«
  Elf liefen wortlos an ihm vorbei, doch der Große mit der Narbe verharrte. Juan hielt die Luft an, solange er angestiert wurde. Zwei weitere Männer kamen aus einem Gebäude und zogen die Schiebetür des Busses auf, als die Gruppe näherkam. Im Nu waren die Männer eingestiegen und wegen der dunkel getönten Fensterscheiben nicht mehr zu sehen.
  »Worauf warten Sie?«, rief einer der beiden neben dem Wagen. Dann redete er in der Sprache des Vernarbten weiter, und obwohl Juan nicht verstand, was gesagt wurde, war die Bedeutung offensichtlich: »Wir müssen hier weg!«
  Der große Mann starrte weiter, ohne einen Ton von sich zu geben. Juan bekreuzigte sich, da schnaubte er wieder: »Im Kaukasus wärst du tot!« Beim Fortgehen spuckte er auf den Boden, nicht ohne sich kurz umzudrehen und in den Boden zu treten, sodass Erde auf Vater und Sohn spritzte. 
  Juan beobachtete aufmerksam, wie der Mann den Wagen erreichte, wo er sich mit dem Fahrer und dem Beifahrer gegenseitig auf die Schultern klopfte, bevor sie ebenfalls einstiegen. Wenige Augenblicke später fuhren sie los, wobei die Hinterräder Sand und Staub aufwirbelten. Während der Bus sich in Richtung Norden entfernte und immer kleiner wurde, kehrte sich Juan seinem Sohn zu, der bleich geworden war.
  Er schlug noch ein Kreuz und sagte auf Spanisch, seiner Muttersprache: »Lass uns für die Seelen der Amerikaner beten, die zu töten diese Männer gekommen sind.«
  »Ja«, entgegnete Ignacio. »Und bitten wir auch Gott um Vergebung, weil wir ihnen den Weg gewiesen haben.«

Vor 14 Tagen, Gefängnisinsel Ognenny Ostrov – 650 Meilen nördlich von Moskau, Novosero-See – Oblast Wologda, Russland

Vizedirektor Antonin Turow wartete ungeduldig, während das kleine Motorboot strandete, wobei sich sein kleiner Außenborder im seichten Wasser in Ufernähe aufrichtete. Die beiden Unteroffiziere des Staatsgefängnisses, die mit ihm an Bord waren, stießen kräftig mit Holzrudern auf das Seebett aus Kies und bemühten sich nach Kräften darum, dass ihr Vorgesetzter beim Aussteigen keine nassen Füße bekam. Als das Boot auf Grund lief, kletterte Turow über die Bordwand, ohne ein Wort zu sagen, und ließ die beiden Unteroffiziere hinter sich, indem er auf einem Schotterweg zur Kuppe der Böschung lief. Er holte schnaufend Luft, die in der Kälte als sichtbarer Dampf entwich, während ein wenig Schnee fiel und den Scheitel seiner Pelzmütze bestäubte.
  Vor einem zwölf Fuß hohen Tor, das oberhalb mit Stacheldrahtspiralen gesichert wurde, blieb er stehen und schaute auf die Stahlflügel, hinter denen sich die Bauten der Anlage verbargen. Zu beiden Seiten des Eingangs war je ein uniformierter Wachmann mit Kalaschnikow postiert, die er sich einsatzbereit vor die Brust hielt.
  Die Feuerinsel, dachte Turow mit belustigtem Lächeln, während er darauf wartete, dass die Wächter näherkamen. Der Name ging auf irgendeinen religiösen Fanatiker zurück, der vor 500 Jahren gesehen haben wollte, dass die Insel von einer Feuersäule verwüstet wurde, woraufhin sich wie üblich, wenn jemand behauptete, ein mutmaßliches Zeichen Gottes empfangen zu haben, Schäfchen einfanden und ein Kloster erbauten. Es war jahrhundertelang von Mönchen bewohnt gewesen, bis die Bolschewisten es eingenommen und zu einem Gefängnis umgebaut hatten. Ein Gefängnis war es seitdem geblieben, wozu sich die nahezu uneinnehmbare mittelalterliche Architektur auch hervorragend eignete, wie Turow fand.
  »Kto tam?«, blaffte einer der Wachmänner auf Russisch, als die beiden vortraten. »Wer ist da?«
  »Zam nachalnika Antonin Turow«, antwortete der stellvertretende Direktor zackig. »Pozvol'te mne proiti!« – »Lassen Sie mich rein!«
  Die Wachen taxierten den Uniformträger und nahmen Haltung an, bevor sie erwiderten. »Zu Befehl, Direktor!«
  »Macht das Tor auf«, rief der eine zu einem Wachturm hinauf.
  Ein Alarmsignal brummte los, als ein Druckluftmechanismus in Gang gesetzt und die beiden Torflügel langsam auseinandergezogen wurden. Als Turow das Straflager betrat, stellten sich zwei weitere Wächter vor ihn, die in einem Häuschen neben einem der Türme gesessen hatten. Dichter, weißer Rauch quoll aus dem Blechschornstein des Gebäudes, und die Luft roch nach verbranntem Holz.
  »Ich bin Leutnant Rostislaw Kutzow. Wie dürfen wir Ihnen helfen, Kamerad Vizedirektor?«, fragte der Wachleiter beim Näherkommen und stand schließlich stramm. Das Tor glitt quietschend hinter Turow zu.
  Er richtete seinen gedrungenen Leib auf und spannte die Schultern an. »Bringen Sie mich zum Aufseher.«
  »Sehr wohl, Direktor«, entgegnete der Leutnant und salutierte, bevor er sich umdrehte und auf eine Gruppe zweistöckiger Gebäude zuging, die unscheinbar wirkten und dank ihres weißen Putzes mit der Umgebung verschwammen. Nach fast 100 Jahren, in denen die Anlage die schlimmsten Verbrecher des Mutterlandes beherbergt hatte, war jeglicher Hinweis auf ihren einst frommen Zweck getilgt. Verräter, Deserteure, Spione und Nazis – sie alle hatten hier eingesessen und innerhalb dieser Mauern den Tod gefunden, woraufhin ihre Gebeine in leidlich tiefen Gräbern auf Nachbarinseln beigesetzt worden waren. Seit Ende des 20. Jahrhunderts war das Gefängnis, das die Russen Pyatak nannten, ausschließlich Häftlingen vorbehalten, die sich mit ihren Vergehen ein Todesurteil eingehandelt hatten.
  Wer einmal auf der Feuerinsel landete, verließ sie nicht mehr, nicht einmal nach der Verhängung seiner Strafe. Dies sollte sich heute Abend allerdings ändern. Gegen einen Betrag von einer Million Euro wollte Antonin Turow, einer von sechs stellvertretenden Direktoren des Staatsgefängnisses, dafür sorgen, dass ein Insasse vom Gelände entkam und in der umgebenden Wildnis verschwand.
  Der Leutnant vor ihm löste ein Schlüsselbund von seinem Gürtel und trat vor eine Metalltür. Als er hörte, dass sie von innen aufgeschlossen wurde, hielt er inne. Kurz darauf trat ein Mann mit strenger Miene und sorgfältig gebügelter Uniform heraus. Der Leutnant schlug unumwunden die Hacken zusammen, salutierte und blieb dann völlig reglos stehen. Unterdessen betrachtete der Mann ihn, bevor sein Blick zu Turow wanderte. Ein wissender Ausdruck huschte über sein Gesicht, und er nickte kurz. Er war der Gefängnisaufseher; seine Komplizenschaft hatte lediglich 25.000 Euro gekostet.
  »Oberst Witalj Kuptschenko, richtig?«, fragte Turow.
  »Sieh zu, dass du Land gewinnst«, zischte der Aufseher dem Leutnant zu, der sich trollte, ehe sich der Atemhauch seines Vorgesetzten in der kalten Luft aufgelöst hatte. »Wer soll ich sonst sein?« Damit drehte er sich wieder zur Metalltür um und ging zurück ins Gebäude.
  Turow beschloss, vorerst darüber hinwegzusehen, dass der Aufseher ihn als ranghöhere Person nicht gebührend zur Kenntnis genommen hatte, und folgte ihm ins Gefängnis.
  Als er drinnen war, warf der Mann die Tür zu und sperrte wieder ab. Turows Augen fingen sofort zu tränen an, denn der Gestank war überwältigend. Bei dem, was da in seiner Nase kitzelte, konnte es sich nur um eine Mischung aus Kot, Urin und dem Geruch von menschlichem Zerfall handeln. Er zog seine Pelzmütze aus und hielt sie vor sein Gesicht, um sich nicht zu übergeben, womit er dem Schweißodeur seines Kopfes gegenüber den Düften des Gefängnisses den Vorzug gab. Der Leutnant wirkte ungerührt. Er ging Turow voraus und führte ihn tiefer in die Anlage.
  Der Boden bestand aus unbehandeltem Holz, das unangenehm knarrte, wenn die beiden stämmigen Männer auftraten, die Wandverkleidung aus rauem Stuckgips, der bis auf halbe Höhe grün und darüber weiß gestrichen war, obwohl er augenscheinlich schon seit Jahren keine frische Farbe gesehen hatte, denn an vielen Stellen lag das Holz darunter blank, wo der Baustoff abgebröckelt war. Turow konnte sich durchaus vorstellen, dass man dort Gefangene mit den Köpfen gegen die Mauer geschlagen hatte; in Russlands Strafvollzugsanstalten stand Brutalität an der Tagesordnung, besonders so weit entfernt von Moskaus Aufsicht.
  »Ich muss zugeben, Kamerad Direktor, dass ich meine Zweifel hatte, als Sie mir mitteilten, wen Sie wollten. Ich kann mir nicht vorstellen, wer Verwendung für dieses Tier finden soll«, bemerkte der Aufseher, während sie durch eine weitere Tür gingen. Der Knall, als er sie hinter sich zufallen ließ, hallte über den leeren Flur.
  »Ich habe keine Verwendung für ihn. Sehr wahrscheinlich wird man ihn jagen wie Freiwild, aber das ist nicht unser Problem.«
  »Nein, Kamerad Direktor«, stimmte der Aufseher zu und reichte Turow eine olivgrüne Mappe.
  Von nun an gingen sie schweigend weiter durch das Gewirr von Korridoren in der Haftanstalt. Darin reihten sich zu beiden Seiten Metalltüren, die Eingänge in Zellen. Eine jede verfügte über einen Schlitz von drei mal sechs Zoll, durch den die Sträflinge ihre Unterarme schieben mussten, um sich Handschellen anlegen zu lassen. Jetzt, für die Nacht, waren alle zugeschoben. Gelegentlich kamen die Männer an einem größeren offenen Raum vorbei, in dem gelangweilte Wachleute vor Fernsehgeräten mit verrauschtem Empfang saßen, die nicht größer waren als Turows offene Hand. Sie alle sprangen ruckartig auf und salutierten, als die Oberen passierten.
  Nachdem sie eine Serpentinentreppe hinuntergestiegen waren, die in den Keller der Anlage führte, und weitere 50 Yards zurückgelegt hatten, trat der Aufseher gegen eine weiße Tür, schloss den Schiebeschlitz auf und blaffte: »Aufstehen, Abschaum! Du hast Besuch!«
  Ein paar Sekunden vergingen, dann steckte der Insasse seine Hände durch die Öffnung. Der Aufseher löste Handschellen von seinem Gürtel, legte sie um die Handgelenke des Mannes und ließ die Bügel einrasten, bevor er die schwere Tür aufsperrte und nach außen öffnete. Aus der Dunkelheit der Zelle trat nun ein dürrer Mann mit dunkler Hautfarbe. Er schien haarlos zu sein und trug einen gestreiften Overall mit entsprechender Mütze auf seiner Glatze. Als Turow in anschaute, war ihm schleierhaft, warum irgendjemand nach so einem Menschen fragte, doch er hatte einen eindeutigen Auftrag erhalten. Diejenigen, die ihn entlohnten, wollten den tschetschenischen Kindermörder Ruslan Baktayew.
  Turow wickelte das Band ab, mit dem die olivgrüne Mappe verschlossen war, und schlug sie auf. Darin lag eine Akte mit Fahndungsfoto. Statt den Inhalt zu lesen, sah er sich das Bild genau an und glich es mit Baktayews Gesicht ab. Es war kaum zu glauben, dass er denselben Mann vor sich stehen hatte. Von acht Jahren in der realen Hölle der Feuerinsel blieb man nicht unberührt. Obwohl der Verbrecher anscheinend noch nie beleibt gewesen war, ließen sich merkliche Veränderungen an seinem Gesicht ausmachen; er hatte teigige Haut und stierte hohläugig – offensichtliche Anzeichen von Mangelernährung. Die Kleidung hing an seinem Körper wie Lumpen von einer Vogelscheuche. Als der Aufseher sein Kinn nach oben drückte, konnte man auf Russisch eintätowiert den Schriftzug ›Hier schneiden‹ an seiner Kehle lesen. Dies war der Mann, den Turow gesucht hatte. Er nickte dem Aufseher zur Bestätigung zu.
  Dieser befahl: »Stell dich hin, wie du es gelernt hast.«
  Baktayew wandte sich schweigend ab und bückte sich.
  Der Aufseher packte seine gefesselten Hände, zog sie vom Körper weg nach oben und zwang ihn so zu einer sogenannten Belastungshaltung. Während er den Vornübergebeugten den ganzen Weg die Treppe hinauf stieß, erreichten sie die Tür, durch die sie hinuntergegangen waren. Turow folgte ihnen in geringem Abstand. Statt aber durch die Tür zu gehen, drängte der Aufseher Baktayew in einen Nebenraum, in dem zwei Klappstühle aus Metall an einem einfachen Schreibtisch – Staatseigentum – mit Telefon standen. Auf einem musste sich der Häftling niederlassen, woraufhin er die beiden russischen Offiziere mit vor Hass funkelnden Augen anstarrte.
  »Heute Nacht begegne ich also Allah?«, fragte er in einem nahezu freudigen Tonfall.
  Der Aufseher spuckte ihn an. »Die Einzigen, denen du im Jenseits begegnen wirst, du Schwein, sind die wütenden Seelen der Väter, deren Kinder du umgebracht hast.«
  Baktayew grinste, wobei man seine kariösen Zähne sah, während der Speichel an seinem Gesicht hinunterlief.
  Turow trat hinter den Tisch und griff zum Telefon. Nachdem er eine Nummer gewählt hatte, wartete er darauf, dass das Gespräch angenommen wurde. Er tauschte sich kurz mit jemandem aus, legte wieder auf und nickte dem Aufseher erneut zu, der dann zu einem Schränkchen ging, die Tür öffnete und ein kleines, schwarzes Paket herausnahm. »Da kommst du rein«, sagte er zu Baktayew, während er es auf dem Boden ausrollte: einen Leichensack. Dann zog er ein Messer unter seiner Uniform hervor und schnitt sorgfältig auf Kopfhöhe drei Schlitze hinein. »Jetzt.«

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