December Park - Ronald Malfi
December Park - Ronald Malfi - Coming of Age Thriller

Ronald Malfi

DECEMBER PARK

Beverly Hills Book Awards WinnerThriller

Gewinner des Beverly Hills international Book Awards in 2015 - Kategorie Suspense (Spannungsliteratur)

GEBUNDEN
616 Seiten
ISBN: 978-3-95835-032-8
eISBN: 978-3-95835-033-5
ERSTERSCHEINUNG: 2015

KlappenbroschurE-Book EPUBE-Book MOBI

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BeschreibungAutorMeinungen zum BuchJetzt reinlesen

Im Herbst 1993 wird das beschauliche Städtchen Harting Farms in Maryland vom Verschwinden mehrerer Kinder erschüttert. Zunächst denken die Bewohner noch an Ausreißer – bis in dem großen, gespenstischen, umwaldeten December Park die erste Leiche eines Mädchens gefunden wird. Die Zeitungen sprechen vom Entführer als Piper – als Rattenfänger, wie in der Sage der Brüder Grimm –, weil er gekommen ist, um die Kinder wegzulocken. Doch in den Schulgängen flüstern die Kinder noch viel düsterere Namen.

Angelo Mazzone und seine Freunde entdecken eine Verbindung zu dem toten Mädchen und nehmen die Verfolgung des Mörders auf. Die fünf Jugendlichen schwören sich, der Schreckensherrschaft des Pipers ein Ende zu setzen. Doch was als mutiges Versprechen beginnt, entpuppt sich nicht nur als Odyssee in die Düsternis ihrer Heimatstadt und ihrer Bewohner, sondern auch als Selbsterfahrungstrip. In der Dämmerung ist auf den Straßen von Harting Farms jeder verdächtig, und jeder der Jungs könnte das nächste Opfer des Pipers sein.

Dieser Coming-of-Age-Thriller ist Ronald Malfis persönlichster Roman, sein Magnum Opus, in das auch eigene Kindheitserinnerungen mit einflossen. Vergleiche zu Stephen Kings Es und zu Dan Simmons’ Sommer der Nacht drängen sich zwar auf, December Park ist jedoch frei von übernatürlichen Elementen, dennoch nicht minder schaurig.


»Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr mich die Geschichte mitgerissen hat. Ich kann euch nur ans Herz legen, dieses Buch zu lesen, es ist großartig!« [Anjas Druckbuchstaben]

Malfis düstere Literatur hat besonders wegen seines fesselnden Schreibstils und seiner einprägsamen Charaktere Anklang unter Lesern aller Genres gefunden. Zurzeit wohnt er mit seiner Frau und seiner Tochter in der Chesapeake Bay, wo er bereits an seinem nächsten Buch schreibt.

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»WOW! Das war die beste Lektüre im Genre der spannenden Literatur seit einiger Zeit. Ich bin immer noch überwältigt und aufgewühlt. Dieses Buch habe ich nicht nur gelesen, sondern regelrecht gelebt. Ich bin tief beeindruckt und gebe diesem Überflieger 11/10 Punkte. DANKE!« [Sunsys Blog]

»Bereits nach wenigen Seiten hat mich der atmosphärisch starke Erzählstil Malfis gepaart mit der grandios ausgearbeiteten Charakterrealität und -tiefe in seinen Bann gezogen … Für mich ein grandioser Roman.« [Chrissies kleine Welt]

»DECEMBER PARK hat sich förmlich in mein Herz gefräst und ich frage mich immer noch, wie es monatelang ein Schattendasein auf dem Stapel der ungelesenen Bücher fristen konnte. Dieses Werk hat mich jedenfalls absolut überzeugt und wird nun auf dem Stapel der ewigen Bestenliste landen – eventuell gleich hinter Stephen Kings ES. Perfekt!« [Jürgen Seibold, Hysterika]

»Von mir gibt es hier eine klare Leseempfehlung für jeden, der einen Thriller mit düsterer Stimmung ohne viel Gemetzel, aber dafür mit wunderbaren Charakteren zu schätzen weiß!« [Zeit der Bücher]

Der Winter kam früh in diesem Jahr

Wir standen an der Kreuzung von Point und Counterpoint, ließen uns lässig die Zigaretten aus dem Mundwinkel hängen, als wollten wir cool unsere Neugier überspielen, und fröstelten im Wind. Etwas weiter die Counterpoint Lane hinauf hüllten Blinklichter von Polizeiwagen die Bäume abwechselnd in roten und blauen Schein.
  Es war erst Anfang Oktober, doch eine vorzeitige Kältewelle war über die Chesapeake Bay in die Stadt gekommen und hatte das Wasser um die Fischerboote unten an den Docks gefrieren lassen. Die Topfpflanzen und Farne an den Blumenständen entlang der Straße waren buntem Mais und leuchtend orangefarbenen Kürbissen gewichen, und obwohl es zu dieser Jahreszeit noch viel zu früh für Schnee war, sah der Himmel bereits mehr als verdächtig danach aus.
  Es war Peters Idee gewesen, nach der Mittagspause abzuhauen. Und wir hatten uns direkt zu Solomon’s Field aufgemacht, um ein paar Zigaretten zu rauchen und Steine über den Drunkard’s Pond hüpfen zu lassen. Die Kinder der Gegend hatten dem Weiher diesen Namen wegen der Obdachlosen verpasst, die nicht selten unter der Überführung der Solomon’s Bend Road Whiskey tranken. Richtig hieß er eigentlich Deaver’s Pond, benannt nach einem ehemaligen Polizisten aus den 1970ern laut meinem Vater, der solche Dinge wusste.
  Peter, Scott und ich beobachteten die lange Schlange von Streifenwagen, die sich nach und nach auf der Counterpoint Lane gebildet hatte. Auf der anderen Seite der Leitplanke fiel eine Böschung bis in den dichten Wald ab, der die Straße vom Rand des weitläufigen Parks aus unterhalb säumte. Dieser Wald war auch als Satan’s Forest bekannt und man munkelte, dass es dort spukte. Ein Großteil der Bäume hatte bereits sein Laub verloren, doch strahlte der Teil der Blätter, der noch an den Ästen hing, in einem solch leuchtenden Orange, als stünden die Baumwipfel in Flammen.
  Ein Krankenwagen kam mit erloschenen Lichtern auf den Seitenstreifen gefahren. Zwei Absperrböcke mit orangenen Blinklichtern zwangen alle anderen Fahrzeuge, der Counterpoint Lane auszuweichen. Ein einzelner Polizeibeamter stand hinter den Absperrungen und starrte zutiefst gelangweilt auf den umgeleiteten Verkehr.
  »Wir sollten hier nicht rumhängen«, merkte ich an. »Sieht so aus, als wäre hier irgendwas Größeres am Laufen.« Was auch bedeutete, dass mein Dad hier sein konnte, und ich wollte alles andere, als mich von ihm erwischen zu lassen, wie ich auf dem Gehweg herumlungerte und rauchte.
  »Glaubt ihr, da ist schon wieder ein Auto runter?«, fragte Peter und fixierte prüfend die auseinanderklaffenden Reste der Leitplanke und tiefen Spuren im Schlamm, die von schlingernden Reifen herrührten.
  Zwei Tage zuvor war eine College-Studentin namens Audrey MacMillan, die betrunken von der Shooter’s Galley in der Center Street nach Hause gefahren war, von der Straße abgekommen, durch die Leitplanke gekracht und unten im Wald gelandet. Sie hatte Glück gehabt, sich nichts Schlimmeres als ein gebrochenes Bein dabei zugezogen zu haben. Bevor ein Abschleppwagen das demolierte Fahrzeug wieder aus dem Wald befördern konnte, hatte die Stadt einige Männer nach unten geschickt, um ein paar der größeren Bäume zu fällen und den Weg frei zu machen. Es war das reinste Fiasko gewesen.
  »Keine Ahnung«, meinte ich, »aber grundlos haben sie die Straße nicht abgesperrt.«
  »Nie im Leben ist da schon wieder ein Auto runter«, kommentierte Peter skeptisch. »Ich meine, zwei in einer Woche?«
  »Zumindest gibt es keine neuen Reifenabdrücke oder Bremsspuren«, stellte ich fest.
  »Schau doch mal in deiner Unterhose nach«, feixte Peter mit breitem Grinsen. Er war um nur wenige Monate der Älteste unserer Truppe, obwohl ihm seine paar zusätzlichen Pfunde auf den Rippen ein jüngeres Aussehen verliehen. In seinen blassgrünen Augen lag stets ein wacher Blick und ihre Farbe und Intensität wurden von einem roten Strubbelschopf ergänzt, den er im Nacken viel zu lang trug. Er war mein bester Freund, seit wir vor all den Jahren drüben in den Palisades zufällig im selben Sandkasten gelandet waren.
  Die achteckigen Schirmmützen zweier weiterer uniformierter Officers tauchten auf der anderen Seite der Leitplanke auf. Ein vierter stieg aus einem der Streifenwagen, lehnte sich gegen die Motorhaube und schien trotz seiner dickgefütterten Jacke zu frieren.
  Scott nickte in Richtung der Polizeiwagen: »Kommt schon. Lasst uns mal nachsehen.«
  »Die könnten uns fürs Schwänzen eins auf den Deckel geben«, befürchtete ich. »Ich bin bei meinem Dad bereits wegen der ganzen Sache mit Langhalsnik in Ungnade gefallen.«
  Mr. Naczalnik, wegen seines Profils wie ein Wasserhahn und eines Halses wie dem von Ichabod Crane auch als Langhalsnik bekannt, war mein Englischlehrer in der Stanton School. Vergangenen Monat hatte ich eine Hausarbeit nicht abgegeben und Langhalsnik, stets bereit, einem armen Schüler das Leben schwer zu machen, hatte ohne mit der Wimper zu zucken unverzüglich meinen Vater benachrichtigt. Er hatte mich zu einer Woche Hausarrest verdonnert.
  Peter warf einen Blick auf seine Casio. »Schule ist doch schon seit zwanzig Minuten aus.«
  Wir überquerten hintereinander die Kreuzung und gingen den flachen Hang der Counterpoint Lane zu den Polizeiautos und dem Krankenwagen hinauf.
  Als wir einen der blinkenden Absperrböcke erreichten, kam der gelangweilt aussehende Cop auf uns zu. »Sorry, Jungs. Die Straße ist gesperrt.«
  »Was ist denn passiert?«, fragte Peter neugierig und versuchte, um den Polizisten herumzulugen.
  »Ihr müsst von der Straße runter. Ihr könnt von der anderen Seite aus zusehen.«
  »Ist schon wieder jemand von der Straße abgekommen?«, fragte ich.
  »Nein.« Der Polizist war jung und kam mir irgendwie bekannt vor. Ich sah auf sein Namensschild, doch der Name sagte mir nichts. »Macht schon, Jungs. Schwingt die Hufe.«
  »Das ist ein freies Land«, protestierte Peter schwach. Er war immer noch zu sehr mit seinem Versuch beschäftigt, einen Blick über die Schulter des Cops zu erhaschen.
  Der Cop hob eine Augenbraue. »Ach ja? Tja, auf der anderen Straßenseite kannst du so frei sein, wie du willst.«
  »Nicht einmal einen klitzekleinen Blick?«, drängte Peter.
  Der junge Cop sah nun mich an. »Bring deine Freunde wieder zurück über die Straße, Angelo.«
  Dass er meinen Namen kannte, überraschte mich kein bisschen. Mein Vater war Detective des Harting Farms Police Departments. Sämtliche Polizisten kannten mich, selbst wenn ich ihnen noch nie zuvor begegnet war. »Kommt schon, Jungs«, trieb ich sie an und stieg auf den Gehweg.
  »Danke.« Der Officer nickte mir zu, dann wandte er sich an meine Freunde. »Ihr seid noch zu jung zum Rauchen.« Darauf warf er einen prüfenden Blick auf seine Uhr – und bemerkte vielleicht, dass es wahrscheinlich noch viel zu früh war, als dass wir schon so weit von der Schule entfernt sein konnten – und schritt über die Straße davon.
  Dort drüben kam nun langsam Bewegung in die Sache, obwohl sich das meiste auf der anderen Seite der durchbrochenen Leitplanke und weiter unten an der Böschung abspielte. Zwei Männer in weißen Kitteln gingen umher, rauchten und unterhielten sich, den Blick auf ihre Schuhe gerichtet. Einmal sprachen sie kurz mit einem uniformierten Officer. Ihren lässigen Bewegungen und der entspannten Art nach zu schließen, ging wohl nichts allzu Dringliches auf der anderen Seite der Leitplanke vor sich.
  »Du kennst den Kerl?«, flüsterte Scott, obwohl sich der Polizist bereits wieder außer Hörweite befand.
  Ich schüttelte den Kopf.
  »Es ist arschkalt hier draußen.« Peter zog den Reißverschluss seiner Jacke zu und pustete in seine Fäuste. »Was machen die da überhaupt? Was ist da drüben los?«
  Ich zuckte die Schultern. Erst jetzt fielen mir die leisen, blechernen Töne von Metallica auf, die aus den Kopfhörern um Scotts Hals drangen.
  Scott Steeple machte seinem Nachnamen alle Ehre – er war groß, schlank und hatte von Natur aus einen fast schon athletischen Körperbau, um den ihn viele beneideten. Er hatte feine Gesichtszüge, war gutaussehend, sein Blick introspektiv und doch aufmerksam. Scott war vor einem Monat fünfzehn geworden und somit der Jüngste unserer Truppe. Eigentlich hätte er in der Klasse unter uns sein sollen, doch sein helles Köpfchen hatte es ihm damals ermöglicht, die zweite Klasse zu überspringen, und so hatte ihn das Schicksal in Mrs. Brocks dritter Klasse an den leeren Tisch neben mich gesetzt, woraus dann schließlich unsere Freundschaft entstanden war.
  »Kommt ihr heute Abend mit zu den Docks runter?«, wollte Peter wissen, der mit den Händen in den Hosentaschen langsam auf und ab ging. Hin und wieder blieb er kurz stehen, um auf einem Fuß zu balancieren, während der andere ein paar Zentimeter über dem Boden kreiste.
  »Denke schon«, meinte Scott.
  »Angie?«
  »Weiß ich nicht, Mann«, entgegnete ich ihm. »Wann wollt ihr denn los?«
  »Vielleicht so gegen neun.«
  »Schätze mal, das hängt davon ab, ob mein Dad zu Hause ist oder nicht. Ich habe doch diese neue Ausgehsperre aufs Auge gedrückt bekommen.«
  »Aber es ist Freitag!«, wandte Peter entrüstet ein.
  »Du kennst doch meinen Dad.« Grundsätzlich durfte ich an Wochenenden bis dreiundzwanzig Uhr außer Haus, doch seit den Fällen verschwundener Jugendlicher in unserer Stadt hatte mein Vater mein Ausgehlimit um eine Stunde zurückgeschraubt. Wenn sich die Jungs also um neun treffen wollten, blieb mir herzlich wenig Zeit, um noch etwas mit ihnen abzuhängen. Ich fragte mich, ob es die ganze Sache wert sein würde.
  Peter blickte mürrisch drein. »Alter, du musst kommen. Sugarland wird diese dumme Kuh versenken, schon vergessen?«
  »Ja, ich weiß.«
  »Seht mal«, unterbrach uns Scott und trat einen Schritt vom Gehsteig hinunter. »Sie kommen hoch.«
  Weitere Köpfe tauchten hinter der Böschung auf, und mich überkam plötzlich ein gemischtes Gefühl von Aufregung und Beklemmung. Die Officers an der Spitze der Gruppe waren die Einzigen, von denen eine Art Dringlichkeit ausging; sie führten den Rest eilig an und verteilten sich entlang der Counterpoint Lane, vermutlich um sicherzustellen, dass keine Verkehrsteilnehmer die Straßensperre missachteten. Zwei von ihnen drehten synchron ihre Köpfe direkt in unsere Richtung und sahen meine Freunde und mich kerzengerade an. Falls sie in Betracht zogen, uns fortzuscheuchen, so wurde ihnen von der dazukommenden Flut von Officers, die nun so zahlreich auf dem Plan waren, dass ich sie nicht alle hätte zählen können, ohne dabei den Faden zu verlieren, ein Strich durch dieses Vorhaben gemacht.
  Ein paar der Männer trugen monochrome Anzüge und schmale schwarze Krawatten. Detectives. Einmal mehr fragte ich mich, nicht ohne eine gewisse Beklommenheit, ob wohl mein Vater auch unter ihnen war.
  »Was …?« Peter tat einen weiteren Schritt in ihre Richtung, doch wir waren immer noch zu weit entfernt, als dass wir irgendwelche wichtigen Details hätten mitbekommen können. »Was tragen die da? Siehst du es, Angie?«
  »Ja«, antwortete ich. »Sehe ich.«
  Es war lang und weiß. Es war ein Tuch. Es war ein Tuch, das etwas bedeckte. Mir wurde flau im Magen. Ich hatte genug ferngesehen, um zu erkennen, was ich da vor Augen hatte.
  »Oh, heilige Scheiße«, fluchte Peter mit zittriger Stimme. »Das ist ein Mensch.«
  Die Leiche wurde auf einer Stahltrage mit eingeklappten Füßen getragen und von einem einfachen weißen Tuch bedeckt, das teilweise an der Trage angebunden war. Einer der uniformierten Officers hielt eine Hand auf die Mitte des Tuches gedrückt, um zu vermeiden, dass der Wind es trotz der Befestigung aufbauschen konnte.
  Eine Leiche.
  Sie brachten die Trage auf die uns abgewandte Seite des Krankenwagens und verschwanden somit kurz aus unserer Sicht. Als sie am Heck des Krankenwagens wieder zum Vorschein kamen, hatten sie ihre Positionen getauscht.
  Nicht in der Lage, meinen Blick von der Szenerie loszureißen, bemerkte ich, dass der Officer, der seine Hand auf das Tuch gehalten hatte, nicht mehr dort war – und als hätte meine Beobachtung direkt den Zorn des Schicksals provoziert, fegte eine eisige Windböe über die Böschung, knisterte durch die Bäume wie durch Geschenkfolie und wirbelte Sand und tote Blätter auf.
  Eine Seite des Stoffes blähte sich im Wind wie ein gewaltiges Schiffssegel. Plötzlich stülpte sich die lose Ecke des Tuches um und entblößte das ausgemergelte, gräuliche Profil einer Frau mit einem nassen, verfilzten Geflecht aus schwarzen Haaren und Laub auf dem Kopf. Angedeutet sah man einen geprellten Arm, die Rippen, die sich an ihrer Seite deutlich abzeichneten, und die Wölbung einer winzigen weißen Brust.
  Es war die erste Leiche, die ich jemals gesehen hatte, und seltsam irreal. Die Unmengen von Kunstblut und Eingeweiden, die sich meine Freunde und ich jedes Wochenende in Form von seichten Horrorfilmen im Juniper reinzogen, fühlten sich irgendwie wesentlich authentischer als all das hier an.
  Der Kopf war leicht nach links geneigt und ich sah etwas, das man nur als blutige Delle in der rechten Seite ihres Kopfes beschreiben konnte. Diese Seite sah wie eingedrückt aus und das rechte Auge blinzelte gerade so unter der unnatürlichen Einbuchtung ihres Schädels hervor.
  »Heilige Scheiße«, entfuhr es Scott. Offensichtlich hatte er es auch gesehen.
  Die Sanitäter hatten alle Mühe, den Körper wieder zu bedecken. Sie überstürzten jedoch ihr Vorhaben und machten sich hektisch nestelnd am Tuch zu schaffen. Eine Sekunde lang sah es fast schon nach Tauziehen aus, bevor sie den Stoff schließlich wieder über den Kopf des toten Mädchens drapiert bekamen. Einer der Polizeibeamten steckte das Tuch, um es zusätzlich zu fixieren, sicherheitshalber unter ihr fest.
  Zu meiner Linken starrte Scott über die Straße und seine Kopfhörer lieferten eine eher unpassende musikalische Untermalung der Situation, die sich vor unseren Augen abspielte. Peter stand, die Hände in die zu engen Hosentaschen seiner Jeans gezwängt, knapp vor uns, und die Seiten seiner Jacke schlugen im aufziehenden Wind. Auch er hatte es gesehen.
  Niemand sagte auch nur ein einziges Wort. Wir verfolgten, wie sie den Leichnam in den Krankenwagen luden. Alle Beteiligten bewegten sich mit einer derart unglaublichen Gemächlichkeit, dass es schon unangemessen schien. Der Fund einer Leiche im Wald sollte doch nicht Anlass zu solch einer Trägheit geben. Das konnte nicht echt sein – nichts davon!
  »Der Piper«, flüsterte Scott verschwörerisch.
  »Nein.« Ich konnte immer noch nichts von all dem fassen. Das Gesicht des toten Mädchens ging mir nicht mehr aus dem Kopf und ich befürchtete, es würde in der Nacht meine Träume heimsuchen. »Sie haben die Opfer des Pipers nie gefunden. Und überhaupt, vielleicht gibt es ja nicht mal einen Piper.«
  »Es gibt einen Piper«, widersprach Scott mit unerschütterlicher Bestimmtheit.
  »Glaubt ihr, es ist jemand, den wir kennen?«, fragte Peter. »Habt ihr von irgendwelchen weiteren Vermissten gehört?«
Ich schüttelte den Kopf, doch er nahm mich nicht wahr, da er den Sanitätern dabei zusah, wie sie den Krankenwagen anließen.
  Eine Rauchwolke stieß aus dem Auspuff und ich wartete darauf, dass die Sirenen einsetzten, doch sie taten es nicht. Natürlich nicht. Warum sollten sie auch? Welchen Anlass zur Eile sollte es jetzt noch geben? Aus irgendeinem Grund jedoch wollte ich, dass sie sich beeilten. Es kam mir gegenüber der Person unter diesem Tuch, wer auch immer sie sein mochte, pietätlos vor, dass diese Polizisten und Sanitäter nur so gemächlich handelten.
  »Konntet ihr einen Blick darauf werfen?«, fragte Peter weiter. »Hast du sie erkannt, Angie?«
  »Ich glaube nicht. Schwer zu sagen. Ihr Gesicht war nicht …« Doch ich musste den Satz erst gar nicht zu Ende bringen. Ihr Gesicht war zertrümmert gewesen und Peter und Scott hatten es genauso klar und deutlich gesehen wie ich selbst.
  »Ich frage mich, ob sie jemand aus der Schule war«, überlegte Peter und drehte sich schließlich zu uns um. Seine Wangen waren rot von der Kälte und seine Augen glänzten. »Denkt ihr, sie könnte auch auf die Stanton gegangen sein?«
  »Ich habe von niemandem gehört, der sonst noch vermisst wird«, berichtete ich.
  »Sie war noch jung«, meinte Scott. Ich bemerkte einen Anflug von Zweifel in seiner Stimme. »Keine Erwachsene meine ich. Habt ihr sie gesehen?«
  »Ja«, entgegnete ich. »Hab ich! Hab ich!«
  »Sie könnte in Stanton gewesen sein«, meinte Peter. »Ich habe sie zwar nicht erkannt, aber es könnte durchaus möglich sein …«
  Die Blicke zu vieler Cops waren nun auf uns gerichtet. Nach all dem Tumult waren wir nicht mehr länger nur neugierige Schaulustige. In unseren Leinenparkas mit Nirvana- und Metallica-Aufnähern an den Ärmeln mussten wir vielmehr wie halbstarke Unruhestifter aussehen.
  »Lasst uns abhauen«, beschloss ich.
  Wir trotteten die Counterpoint gegen den Wind hinunter. Das Treffen heute Abend unten bei den Docks sausen zu lassen, war vielleicht gar keine schlechte Idee. Allein die Vorstellung des eiskalten Windes, der über das schwarze Wasser der Chesapeake Bay hereinpeitschte, reichte, um etwas tief in meiner Körpermitte zusammenkrampfen zu lassen.
  Diese eingestoßene Seite des Kopfes, diese widernatürliche Einwölbung ihrer rechten Gesichtshälfte. Habe ich das alles wirklich gesehen?
  Ich schauderte.
  In kollektivem Schweigen suchten wir in einem Bushaltestellenhäuschen am Ende des Blocks Schutz vor der Kälte. Scott wechselte die Kassetten in seinem Walkman und Peter ließ eine Runde neuer Zigaretten herumgehen. Rauchend beobachteten wir den Verkehr auf dem Governor Highway. Die zwei- und dreistöckigen Betonbauten auf der anderen Straßenseite sahen im grauen und allmählich nachlassenden Licht des Nachmittags wie Bleistiftzeichnungen aus. Bunte Vinylfahnen flatterten über dem halbleeren, mit Schlaglöchern übersäten Parkplatz des örtlichen Gebrauchtwagenhändlers OK Used Kars.
  Weiter die Straße hinunter gingen abrupt die Lichter in der Bagel Boutique aus, die ihr Geschäft für den Tag beendete. Vergangenen Sommer hatte ich dort gearbeitet. Jeden Tag um vier Uhr früh hatte ich mich aus dem Bett schleifen müssen, nur um Teig zu Ringen zu formen, diese dann in einen Kessel mit kochendem Wasser zu geben und danach die kurz angekochten Bagels bei etwa dreihundert Grad in den Ofen zu schieben. Obwohl ich dabei immer Handschuhe getragen hatte, war die Hitze so stark gewesen, dass sich meine Fingernägel an den Spitzen vom Nagelbett gelöst hatten. Eine unmenschliche Angelegenheit – besonders für einen Faulpelz wie mich.
  »Was denkt ihr, ist mit ihr passiert?«, fragte Scott. »Irgendjemand hat ihr das angetan. Irgendjemand hat sie umgebracht.«
  »Vielleicht war es Lucas Brisbee«, mutmaßte Peter.
  »Wer ist das?«, wollte ich wissen.
  »Du hast noch nichts von Lucas Brisbee gehört?« Peter betrachtete prüfend die glühende Spitze seiner Zigarette, während seine Augen vom Wind tränten.
  »Ich schon«, sagte Scott.
  Ich lehnte mich gegen die Seitenwand des Bushäuschens. »Wer ist Lucas Brisbee?«, fragte ich noch einmal.
  »Amanda Brisbees großer Bruder«, erklärte Peter. »Er hat vor etwa fünf Jahren seinen Abschluss in Stanton gemacht. Du kennst doch Amanda, oder?«
  »Klar«, meinte ich. Amanda Brisbee war eine Klasse unter uns. Sie war in ihrem ersten Jahr im Feldhockey-Team der Mädchen gewesen, bis sie sich ihre Haare an einer Kopfhälfte abrasierte, anfing, sich die Nägel schwarz zu lackieren, und mit den falschen Leuten abhing. Ich kannte sie hauptsächlich über gemeinsame Bekanntschaften – ich war zufällig mit den falschen Leuten befreundet –, jedoch wechselten wir nie ein Wort.
  »Dann spitzt mal die Lauscher«, leitete Peter ein, und seinem leichten Grinsen nach zu schließen, freute er sich schon darauf, die Story an den Mann zu bringen. »Vergangenen Monat hatte Lucas immer wieder unseren Geschichtsunterricht besucht, um uns vom Golfkrieg zu berichten. Er kam jeden Mittwoch in seinem Camouflage-Overall-Dingens vorbei, um darüber zu erzählen, wie es drüben im Irak so war.«
  »Er war auch einmal in Mrs. Burstroms Stunde da«, fiel Scott mit ins Gespräch. »Das war vielleicht bizarr. Er trug einen dieser Helme, wie die Typen in M*A*S*H, und man konnte sehen, wie er sich in dem Ding förmlich zu Tode schwitzte.«
  »Auf jeden Fall«, fuhr Peter fort, »tauchte er anscheinend diesen Mittwoch pünktlich wie immer auf, und marschierte in voller Montur vom Parkplatz der Zwölftklässler aus über das Football-Feld. Nur hatte er dieses Mal sein Gewehr über der Schulter hängen.«
  »Ach hör schon auf!«, tat ich ungläubig ab.
  »Das ist mein voller Ernst.«
  »Schwör bei Gott«, klinkte sich Scott mit ein.
  »Mr. Gregg war mit einer Sportklasse draußen, als es passierte«, erzählte Peter weiter. »Er befahl allen, zurück ins Gebäude zu gehen, dann sprach er mit Lucas. Die ganze Sache endete in einem Streit und Mr. Gregg musste ihn tatsächlich niederringen. Ein paar Cops tauchten auf und schafften den Kerl weg.«
  »Woher weißt du das alles?«, fragte ich ihn.
  »Jen und Michelle Wyatt. Sie waren in der Sportgruppe und sahen Lucas, als er über das Football-Feld gegangen kam, bevor Gregg sie hineinschickte. Sie sagten, dass sie das Gewehr auf seinem Rücken hatten sehen können und dass er auf sie zugestiefelt war wie ein Nazi.«
  »Das ist doch gelogen«, sagte ich und ließ meinen Blick über die Straße wandern.
  Eine kühle Dunkelheit hatte sich über die Stadt gelegt. Straßenlaternen gingen an. Die Schaufenster auf der anderen Straßenseite leuchteten wie kleine elektrische Rechtecke. Ich beobachtete die Rücklichter einer Reihe Autos, die an der nächsten Kreuzung am Fuß einer Ampel warteten.
  »Zum Teufel, das ist nicht gelogen!«, bekräftigte Peter.
  »Ich hätte in den Nachrichten davon gehört«, hielt ich weiter dagegen. »Oder zumindest von meinem Dad.«
  Peter zuckte mit den Schultern. »Erzählt dein Dad dir alles? Und überhaupt, vielleicht wurde Brisbee bisher einfach noch nicht angeklagt oder so.«
  »Vielleicht war die Waffe ja nicht geladen«, spekulierte Scott.
  »Das Schrägste an der ganzen Sache ist: Offensichtlich hat er nie auch nur einen Fuß in den Irak gesetzt«, schloss Peter. »Der Freak war überhaupt nicht einmal dem verdammten Militär beigetreten. Seit seinem Abschluss hatte er drüben in Woodlawn als Mechaniker gearbeitet – Reifen und Öl gewechselt und den ganzen Scheiß. Der Schweinepriester hat das Ganze nur erfunden.«
  »Ach komm schon«, entgegnete ich.
  »Nein, das stimmt«, fügte Scott nickend hinzu. »Ich hab es auch gehört.«
  »Ist das alles noch zu fassen?«, wandte Peter sich von uns ab. Er hatte seine Zigarette bis zum Filter heruntergeraucht. »Ein Kerl hat nicht mehr alle Nadeln an der Tanne und hält einen ganzen Monat lang Vorträge an unserer Highschool.«
  Ein Auto fuhr rasch vorbei und hupte uns zu. Den Fahrer konnte ich nicht erkennen.
  »Vielleicht hat sie ja auch gar niemand umgebracht. Vielleicht war es nur ein Unfall.« Doch schon während ich diese Worte sprach, glaubte ich kein einziges davon. Vor meinem geistigen Auge sah ich immer noch ihren eingeschlagenen Schädel und den fahlen, fischbauchfarbenen Ton ihrer Haut.
  »So wird es wohl sein«, stimmte mir Peter zwar zu, klang selbst aber auch nicht gerade überzeugt davon.
  Scott warf einen Blick auf seine Uhr. »Wird langsam spät.«
  »Ja.« Peter schnippte seinen Zigarettenstummel auf den Boden.
  Ich stellte meinen Jackenkragen auf. »Also, bis dann Jungs. Ich muss für meine Großmutter noch ein paar Besorgungen machen.«
  »Sollen wir mitkommen?«
  »Nein, schon in Ordnung. Trotzdem danke.«
  »Hey!« Peter kniff mich in den Unterarm. »Du kommst heute Abend, klar?«
  Ich seufzte.
  »Vielleicht gibt dir dein Dad ja ne kleine Verlängerung«, meinte er. »Ist ja nicht so, als würden wir die ganze Nacht fort sein.«
  »Das wird lustig«, versprach Scott.
  Ich schob meine Hände in die Taschen. »Mal sehen.«
  »Cool.« Peter grinste mich an. Dann drehte er sich um und schob Scott auf den Gehweg. Sie warteten auf eine Verkehrslücke, bevor sie eilig über den Governor Highway liefen. Ich verlor sie aus den Augen, als sie im Schatten eines unbeleuchteten Parkplatzes verschwanden.
  Ich bewegte mich parallel zur Straße, bis ich an die Fußgängerkreuzung kam und darauf wartete, dass die Ampeln umschalteten. Pastore’s Deli war ein kleiner familienbetriebener Lebensmittelladen am Ende einer Ladenzeile. Er befand sich auf der anderen Straßenseite gegenüber des Generous Superstore, dem bombastischen Einkaufszentrum mit dem Slogan Komfort ist König! Trotzdem war meine Großmutter schon seit meiner Kindheit Stammkundin bei Pastore’s und ich erinnerte mich nur zu gerne zurück an Mr. Pastore, wie er mich mit Boar’s-Head-Wurstscheiben und Stinkekäsestückchen fütterte, während meine Großmutter ihren Einkauf erledigte.
  Für gewöhnlich war er recht menschenleer, doch an diesem Abend bemerkte ich einen leichten Tumult vor dem Laden. Mehrere Erwachsene standen bei ihren Autos auf dem Parkplatz und unterhielten sich angeregt. Mit gesenktem Kopf schob ich mich an ihnen vorbei und betrat den Laden.
  »Hallo, Angelo.« Mr. Pastore linste mich über die Zweistärkenbrille hinweg an, die er auf seiner Nasenspitze sitzen hatte. Er war ein dunkelhäutiger älterer Herr mit weißen Haarbüscheln über den Ohren. Vor dem Tresen stand ein Mann, den ich nicht kannte, und es schien, als hatte meine Ankunft ihre Unterhaltung gestört.
  »Hi, Mr. Pastore«, grüßte ich ihn zurück und zog den Reißverschluss meiner Jacke auf. In dem kleinen Laden herrschte eine Bullenhitze wegen eines zu hoch aufgedrehten Heizgerätes über der Ladentür.
  Am hinteren Ende des Ladens holte ich einen Leib vorgeschnittenes italienisches Brot und widmete mich dann dem Süßwarenregal, das die Wand säumte. Pastore’s hatte immer die besten Süßigkeiten – das Zeug, das man anderswo sonst nur schwer auftreiben konnte: Astro Pops, große Sugar Daddies, Fruchtgummischnüre und schwarze Lakritz-Drops, Jujubes, Candy Buttons auf weißen Papierstreifen, Fruchtgummilippen, Gummifläschchen mit flüssiger Füllung, Traubenzuckerflöten, Erdnusskrokant, Ocean-City-Kaubonbons und exotische Jelly Beans. Nach einiger Überlegung fiel meine Wahl schließlich auf einen großen Sugar Daddy und eine Packung Trident-Kaugummi, um meinen Raucheratem zu überdecken.
  Ich ging zum Tresen, wo Mr. Pastore wie üblich bereits den Rest der Bestellung meiner Großmutter vorbereitet hatte.
  Er unterhielt sich mit gedämpfter Stimme mit dem Unbekannten. Zwischenzeitlich blickte er mich einmal flüchtig über die Schulter des Mannes hinweg an und lächelte gezwungen.
  Der Mann, der einen marineblauen Pullover und eine Chinohose trug, trat zur Seite, damit ich das Brot und die Süßigkeiten auf den Tresen legen konnte.
  Mr. Pastore zwinkerte mir zu, dann fischte er unter der Theke herum und holte mehrere Packungen in Wachspapier gewickelten Aufschnitt hervor. »Ich habe im Callergelesen, dass du den ersten Platz bei ihrem Wettbewerb im kreativen Schreiben belegt hast«, sagte er, während er die Waren in die Kasse eintippte. »Das ist echt klasse, Angelo. Gratuliere.«
  »Danke.«
  »Wird die Siegergeschichte veröffentlicht?«
  »Naja, so hatte es anfänglich zumindest geheißen, danach meinten sie aber, die Geschichte sei zu lang«, erklärte ich.   »Aber sie haben mir einen Scheck über fünfzig Mäuse zugeschickt.«
  »Fantastisch!« Mr. Pastore schob sich seine Brille den Nasenrücken hoch und las die Gesamtsumme von der Kasse ab.
  Ich reichte ihm zwanzig Dollar und wartete auf mein Wechselgeld.
  Der Mann in dem marineblauen Pullover neben mir tappte nervös mit dem Fuß auf den Boden. Ich drehte mich um und sah ihn an. Unsere Blicke trafen sich. Er hatte kleine dunkle Augen, die ebenso nervös schienen, wie sein tappender Fuß sich anhörte. Eine Sekunde später wandte er sich ab.
  Mr. Pastore, der wohl mein Unbehagen gespürt haben musste, lächelte mich matt an. »Heute Abend war unten am Park ganz schön was los. Sie haben die Kreuzung an der Counterpoint gesperrt. Du hast vielleicht die Polizeiwagen gesehen.«
  »Ja …« Mein Mund wurde schlagartig trocken. Das Bild des toten Mädchens mit dem eingeschlagenen Schädel tauchte jäh wieder vor meinen Augen auf – ich konnte es einfach nicht abschütteln. Plötzlich spürte ich nur noch die brütende Hitze aus dem Heizlüfter über der Ladentür.
  »In der Stadt geht die Sorge um, dass jemandem etwas zugestoßen sein könnte«, fuhr Mr. Pastore fort. Er hatte noch immer dieses gezwungene Lächeln im Gesicht, doch sein Tonfall war ernst. »Man befürchtet, es könnte eines der … nun ja, du weißt schon …«
  Ich öffnete den Mund, um ihm zu erzählen, dass ich die Polizei ein totes Mädchen auf einer Trage aus dem Wald hatte bringen sehen, aber überlegte es mir doch anders. Ich blickte zu dem Mann im marineblauen Pullover. Was, wenn er der Vater des toten Mädchens war? Der Gedanke traf mich wie ein Schlag aus der Steckdose. Wollte ich wirklich derjenige sein, der ihm diese Hiobsbotschaft offenbarte?
  Mr. Pastore reichte mir mein Wechselgeld, das ich in meine Jackentasche stopfte. Ich schnappte mir die Einkaufstüte vom Tresen, bedankte mich bei ihm und ging eilig zur Tür.
  »Angelo?«, stoppte mich Mr. Pastore. Als ich mich umdrehte, um ihn anzusehen, sagte er: »Vielleicht ist es das Beste, wenn du dich heute direkt auf den Weg nach Hause machst, ja? Kein Herumtrödeln.«
  Vorübergehend nicht in der Lage, einen Ton zu sprechen, nickte ich nur.
  »Guter Junge«, lobte er.
  Ich öffnete die Ladentür und trat hinaus in die hereinbrechende Dunkelheit.

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