Der SchuppenDer Schuppen 3D

Michael Dissieux

DER SCHUPPEN

Horror-Thriller 

PERFECT PAPERBACK
280 Seiten
ISBN: 978-3-95835-095-3
eISBN: 978-3-95835-096-0
ERSTERSCHEINUNG: 2015

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BeschreibungAutorMeinungen zum BuchJetzt reinlesen

Der Schuppen … stand schon immer hinten im Garten vor der großen Dornenhecke.
Der Schuppen … birgt seit Generationen das schreckliche Geheimnis meiner Familie.

An einem kalten Tag im Februar 1986 verliere ich meine Kindheit, als ich in den alten Schuppen im Garten gehe und in einer staubigen Ecke die Falltür entdecke. Davor stehen ein schäbiger Sessel und eine Flasche Whiskey. Jemand hatte sich hier gemütlich eingerichtet.
Als ich die Stufen hinab in die Erde steige, spüre ich mit jedem Schritt, wie sich etwas in mir verändert. Am Ende der alten Holztreppe angelangt, bin ich ein anderer. Ich bin kein Kind mehr …

Michael Dissieux lebt mit seiner Lebensgefährtin und einem Neufundländer im saarländischen Elversberg.

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»Mit „Der Schuppen“ konnte Michael Dissieux mich absolut überzeugen. Der Roman ist kein klassischer Thriller, sondern vielmehr ein sehr spannendes und atmosphärisch dichtes Psychogramm eines Serienkillers, der durch einen großartigen Hauptcharakter und einen anspruchsvollen und sehr bildlichen Erzählstil besticht.« [Stuffed Shelves]

»DER SCHUPPEN von Michael Dissieux ist ein Horror-Thriller, der es in sich hat. Er baut die Spannung gekonnt auf und fesselt einen mit den erschreckenden und grausamen Taten an das Buch. Garantiert war das nicht mein letztes Buch von Michael Dissieux. Fazit: Erschrecken, verstörend und abartig. Ein rundum gelungener Horror-Thriller!« [mordsbuch]

Die Haustür reißt mich aus meinen Erinnerungen. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich erneut ausgestreckt auf dem Bett liege, Big Joe G.I. gegen meine Brust drücke und zur Decke starre. Meine Füße ragen über den Rand des Bettes hinaus, was mir Schmerzen in den Oberschenkeln verursacht.
»Verdammt«, zische ich wie eine wütende Schlange, schwinge mich aus dem Bett, ohne dass meine Gelenke diesmal knacken, und stelle Big Joe auf das Regal zurück. Dabei werfe ich die leere Coladose um, die polternd zu Boden fällt.
Von unten kann ich hören, wie die Haustür geschlossen wird. Plötzlich ist die Stille des Hauses vom Rascheln von Einkaufstüten, Megans Schritten und dem Klimpern ihrer Autoschlüssel erfüllt, die sie immer mit Schwung auf die kleine Kommode neben der Haustür wirft.
»Jackson?«
Ihre Stimme verursacht mir Gänsehaut, so wie sie es in den letzten zwei Jahren getan hat. Als sie damals die Sache mit Judith herausfand, veränderte sich etwas zwischen uns. Etwas zerbrach, dass davor schon sehr instabil gewesen war. Ich kann im Grunde nicht einmal erklären, was. Vielleicht ist es die Art, wie sie mich ansieht, oder das, was sie zu mir sagt. Manchmal sogar die Art, wie sie sich bewegt. Am deutlichsten merke ich den Unterschied am Klang ihrer Stimme. Früher mochte ich es, ihr zuzuhören, und ich animierte sie oft, mir von ihrem Job zu erzählen, einfach nur, um ihre Stimme zu hören und nicht etwa, weil es mich wirklich interessierte. Ihre Stimme war für mich der Inbegriff von »Zuhause« gewesen, weil ich genügsam gewesen war und nichts Besseres kannte. Doch seit Judith haben ihre Worte auf groteske Weise ihre Wärme verloren. Ich stelle mir oft vor, dass Megan so, wie sie mit mir redet, sich auch mit ihren Kollegen im Büro unterhält. Distanziert und kühl und auf erschreckende Weise abwesend. Eine klare Grenze ziehend, die sie mit aller Kraft verteidigen würde. Eine Frau sollte so nicht mit ihrem Mann reden, aber Megan tut es, und sie lässt mich auf diese Weise für jede einzelne Nummer büßen, die ich jemals mit Judith in unserem Ehebett und an anderen Orten, von denen Megan nie etwas erfahren wird, geschoben hatte.
»Hier oben«, rufe ich und ziehe mir eine Hose an, die zerknittert über dem Bettpfosten hängt. Ich stolpere über ein Hosenbein und pralle mit der Schulter gegen den Türrahmen.
Zu Beginn fühlte ich mich schuldig und kam mir wie ein kleiner Junge vor, den man im Badezimmer dabei erwischt hatte, wie er an sich selbst herumspielte. Ich hatte einen Fehler gemacht, das wusste ich, und Megan ließ mich dafür leiden. So einfach lief das in meinem Leben nach Judith. Wir hatten unsere Rollenverteilung in der Ehe, die allerdings nur Megan genoss. Ich hingegen war zu ihrem Prügelknaben geworden. Die ersten Wochen waren besonders schlimm gewesen, und ich bin mir sicher, dass sie damals in mehr als einer Nacht wach gelegen und über eine Trennung nachgedacht, sie aber wegen David nie durchgezogen hatte. Und wie viel sie ihrer Freundin Clara von unseren Problemen erzählte, darüber wage ich erst gar nicht nachzudenken.
Nach einiger Zeit legte sich der erste Sturm. So nannte ich es damals, »der erste Sturm«, denn nichts anderes war es, was unsere bis dahin relativ gut verlaufende Ehe aus der Verankerung riss. Ein Sturm namens Megan.
Das Thema Judith wurde immer seltener angeschnitten, und Megan begann auch wieder, mir von ihrem Job zu erzählen, sogar ohne dass ich sie dazu auffordern musste. Doch die Kälte in ihrer Stimme blieb. Selbst wenn sie lachte. Das Eis war vielleicht geschmolzen, aber darunter befand sich noch immer eine Schicht Raureif. Dasselbe galt für ihre Augen. Das Funkeln, mit dem sie mich oft ansah, wenn sie mir etwas erzählte oder wir einfach nur herumalberten, war erloschen, als hätte man eine Kerze ausgeblasen, und ist es bis zum heutigen Tag geblieben.
Irgendwann schaffte ich es nicht mehr, mit dieser Kälte umzugehen. Wenn ein Mann immer und immer wieder erniedrigt wird, schlägt er irgendwann zurück. Der Tag, an dem ich mir eine andere Philosophie zurechtlegte, war ihr Geburtstag vor sieben Monaten gewesen. Da begann ich zum ersten Mal in Gedanken meine Position zu verteidigen, dachte über meine Beweggründe, Judith betreffend, nach, und kam zu dem Schluss, dass ich nicht die alleinige Schuld an meinem Fehltritt trug. In einer gut funktionierenden Ehe teilt man sich eben alles, auch die Schuld. Wenn ein Mann seine Frau betrügt, hat das, außer seinem Schwanz und seiner Gier, noch andere Gründe, für die er keine Verantwortung trägt.
Von jenem Tag an betrachtete ich die ganze Sache mit anderen Augen und aus einem Blickwinkel, der mich nicht mehr als fehlgeleiteten Sünder oder »schwanzgesteuertes Arschloch« – Originalton Megan – erscheinen ließ.
Ich gehe nach unten und streiche mir währenddessen die Haare mit den Händen zurecht. Jeder Schritt, der mich Megan näher bringt, sagt mir, dass es ein Fehler ist, nach unten zu gehen.
»Hey, Darling.«
Ich hauche ihr einen Kuss auf die Wange. Sie hält einen Augenblick still und hängt dann ihren Mantel an die Garderobe. Meinen Kuss erwidert sie nicht.
»Hast du alles bekommen?«
Mein Blick fällt auf drei Einkaufstüten, die neben der Tür stehen. Eine davon ist umgekippt, und zwei Limonadendosen sind gegen die Fußleiste gerollt.
»Hast du gemacht, worum ich dich gebeten habe?«, erwidert sie, ohne auf meine Frage zu reagieren.
Sie wirft mir einen kurzen Seitenblick zu, mehr bin ich in ihren Augen nicht mehr wert. Die Schärfe in ihre Stimme macht mir klar, dass sie die Antwort bereits kennt. Ihre Wangen sind von der Kälte gerötet, und ihr Haar sieht aus, als hätte der Wind unablässig damit gespielt.
Ich betrachte Megans Gesicht im Garderobenspiegel und versuche eine der Antworten festzuhalten, die mir in diesem Moment durch den Kopf geistern.
»Noch nicht«, erwidere ich, bevor ich intensiv darüber nachdenken kann. Megans Gegenwart verlangt nach Antworten, ohne dass man die Zeit bekommt, sich Gedanken über die Konsequenzen zu machen.
»Ich habe versucht, an meinem Roman zu arbeiten. Aber irgendwie …«
»An deinem Roman?«
Die Worte sind nicht als Frage gedacht. Sie hebt ihre Augenbrauen in der ihr typischen, abfälligen Geste und sieht mich direkt an.
»Spukt dir deine alberne kleine Idee etwa immer noch im Kopf herum?«
Ich greife nach den Tüten und gehe in die Küche. Sich ihren Fragen zu stellen, hat ebenso wenig Sinn, als versuche man einem Kind zu erklären, warum der Weihnachtsmann nur ein Märchen ist. Seit der Sache mit Judith haben die wenigsten Gespräche mit Megan einen Sinn.
»Ich hätte mir denken können, dass dich die einfachsten Aufgaben überfordern.«
Sie taucht in der Küche auf, lehnt sich gegen den Türrahmen und sieht mich mit unverhohlener Geringschätzung an. Eine Woge aus Kälte brandet über mir zusammen. Ich beginne ihre Einkäufe in Schränken, Schubladen und dem Kühlschrank verschwinden zu lassen, und stelle entsetzt fest, dass ich mich unter ihrem strengen Blick besonders anzustrengen versuche, um ihren Anforderungen gerecht zu werden und alles an den richtigen Platz zu stellen.
»Wieder einmal bleibt alles an mir hängen«, fährt sie nach einer Weile fort, kramt ihr Handy aus der Hose und knallt es auf den Küchentisch. Ich beginne mich zu fragen, was es war, das ich hätte erledigen sollen. Oft höre ich ihr zu, ohne den Sinn ihrer Worte zu verstehen.
»Verdammt, Jackson, du hast seit Monaten keinen Job mehr und alle Zeit der Welt. Was tust du denn den ganzen Tag?« In einer albernen Geste hebt sie anklagend die Hände, was ich aber nur aus den Augenwinkeln heraus sehe. »Außer natürlich an deinem Bestseller zu schreiben, der ja all unsere Probleme lösen wird.«
Megan schüttelt den Kopf, wie sie es auch bei David gerne tut, wenn er eine schlechte Note nach Hause bringt oder wieder einmal das Opfer der Schulschläger geworden ist. Es interessierte sie nicht, ob ihr Sohn aus der Nase blutete, oder seine T-Shirts zerrissen waren. Wenn sie David mit ihrem typischen und einstudierten Kopfschütteln bedachte, ist der Junge immer »Jacksons Sohn, der es im Leben genauso weit bringen wird wie sein Vater«. Nicht selten habe ich den Verdacht, dass Megan es seit zwei Jahren liebt, den Jungen für das Vergehen seines Vaters büßen zu lassen.
»Ich muss das Buch erst einmal schreiben«, erwidere ich und knalle den Kühlschrank heftiger als notwendig zu. »Aber dafür braucht man Zeit.«
Wieder hebt Megan die Hände und tritt einen Schritt zurück. »Oh, entschuldige bitte. Ich wusste ja nicht, dass du ein so viel beschäftigter Mann bist. Halten dich deine vielen Freunde vom Schreiben ab?«
Ein böses Lächeln stiehlt sich wie ein Schatten über ihr Gesicht, als wäre die Sonne hinter einem Berg verschwunden. Ich weiß, was kommt, noch bevor sie es ausspricht.
»Oder sind es irgendwelche Schlampen, die du erst noch in unserem Bett vögeln musst, bevor dich die Inspiration heimsucht?« Das Lächeln verwandelt sich in ein anzügliches Grinsen. »Ein kleiner Tipp, Jackson. Bleib besser beim Schreiben. Vielleicht wirst du das ja eines Tages noch lernen. Zu allem anderen solltest du Abstand nehmen.«
Ihre Stimme ist an Kälte kaum zu überbieten. Ich bin mir sicher, dass das Thermometer im Raum um einige Grad gefallen sein muss.
Sie dreht sich abrupt um, was bedeutet, dass für Megan das Thema erledigt ist und es keinerlei Diskussion mehr benötigt. Sie hatte ihren Triumph und mich wieder einmal spüren lassen, was ich in ihren Augen noch wert bin. Ihr Abgang ist ein perfekt einstudiertes Theaterstück. So läuft das Spiel seit zwei Jahren und jeder von uns fügt sich in seine Rolle.
Doch ich tue dies nur nach außen hin. Ich weiß inzwischen, dass mich keine Schuld an der Sache mit Judith trifft. Irgendwann um ihren Geburtstag herum habe ich über Megans alberne und verletzende Spielchen nachzudenken begonnen. Und ich kenne jetzt den wahren Schuldigen an meiner Verfehlung.
Als ich die Einkäufe verstaut habe, gehe ich nach oben ins Schlafzimmer zurück. Megan ist irgendwo im Haus verschwunden, es interessiert mich nicht wo. Ich bin für jede Sekunde dankbar, die ich sie nicht sehen muss und ich ihren Anfeindungen nicht ausgesetzt bin.
Morgen wird sie mir wieder von ihrem Job erzählen und kein gerades Haar an ihren Kollegen lassen. Sie wird über den verdammten Verkehr in dieser verdammten Stadt lästern und sich wünschen, endlich das Leben führen zu können, das ihre Eltern für sie ersonnen hatten. Mit dieser letzten Bemerkung wird sie mich mit einem kalten Seitenblick streifen und die kleine Auseinandersetzung von heute wird wieder zu den Akten gelegt werden.
Doch ihre Augen würden wieder nicht lächeln und ihre Stimme so kalt sein, als befände sich eine Eisschicht in ihrer Kehle. Megans ganz eigenes Spiel, das nur nach ihren Regeln gespielt wird. Mein Vater hatte recht. Frauen würden selbst dem Teufel noch in den Arsch treten, wenn ihnen die Hölle zu heiß erscheint.
Als ich die Tür hinter mir schließe, habe ich das Gefühl, mich in meiner eigenen Welt einzusperren. Der Tag ist inzwischen nur noch eine graue Ahnung, der zwischen den Lamellen der Jalousie ins Zimmer sickert. Ich schalte das Licht an, lege mich aufs Bett und bedecke meine Augen mit dem Unterarm. Obwohl ich mir vorgenommen habe, Megans Anfeindungen mit einer kühlen Distanz gegenüberzutreten, hämmert mein Herz viel zu schnell und zu laut in meiner Brust. Mein Atem schmerzt in der Kehle. Das Biest hat es wieder einmal geschafft.
Mein Blick fällt auf den kleinen Schreibtisch, der in der Ecke neben einem Wäscheständer steht. Der Monitor darauf ist ein dunkles Rechteck, davor liegen die wenigen ausgedruckten Blätter, die ich bisher an meiner Geschichte geschrieben habe. Ich überlege, wann ich mit meinem Roman begonnen habe, und komme zu der Überzeugung, dass ich Megan zumindest in diesem Punkt recht geben muss. Es geht einfach nicht voran mit meinem Projekt.
Unwillkürlich huscht ein bitteres Lächeln über mein Gesicht. Immer wenn ich meinen Roman als »Projekt« bezeichne, beginnt Megan wie ein Stier zu schnaufen und dreht sich auf dem Absatz herum, um den Raum mit ihrem berühmten Kopfschütteln zu verlassen und sich auf diese Weise selbst einen dramatischen Abgang zu verschaffen. Sie hält sich selbst für die größte Diva, die diese Welt jemals hervorgebracht hat.
Ich bin mir sicher, dass ich mir mit meinem Projekt zu viel zugemutet habe. Aber an Tagen wie diesem besteht auch keine Veranlassung, mich an den alten Rechner zu setzen und meine Handlung in einem kleinen, degenerierten Dorf in den Rockys voranzutreiben.
Im Grunde müsste ich mich demonstrativ an die Tastatur setzen und irgendeinen Scheiß in den Computer hämmern, den ich morgen wieder löschen würde. Einfach nur, um Megan zu zeigen, dass sie unrecht hat, so kindisch dieser Triumph über sie auch ausfallen würde.
Doch ich schaffe es einfach nicht, mich aufzuraffen. Mein Herz hämmert immer noch, einem Junkie gleich, in seinem Gefängnis, und mein Atem scheint sich in einen Sturm verwandelt zu haben.
Kurz bevor ich meine Augen erneut unter dem Arm verbergen kann, fällt mein Blick auf Big Joe, der mit dem Gesicht zur Wand steht. Ich stehe auf, nehme ihn und streiche ihm einige Staubflecken unter den Armen weg. Dann lege ich mich wieder aufs Bett, wobei diesmal das Holzgestell knackt, anstelle meiner Knochen, halte die Puppe wie einen Säugling mit beiden Händen über mich und mustere das Gesicht von Joe, dessen Farbe alt und verblasst wirkt.
Big Joe war früher mein bester Freund gewesen, und wenn ich ehrlich bin, auch mein einziger.
Ihm konnte ich all meine Geheimnisse anvertrauen, ohne Gefahr zu laufen, dass er sie ausplaudert oder sich über meine intimsten Gedanken lustig macht.
Big Joe ist der einzige Bezugspunkt, der mir aus meiner Kindheit geblieben ist. Big Joe – und natürlich das, was ich eine Woche nach meinem zwölften Geburtstag im Geräteschuppen entdeckt habe.
Während ich die Puppe in Händen halte, habe ich das Gefühl, dass mich Joe in meine Vergangenheit zurückzuführen versucht. Es ist gerade so, als nehme er mich an der Hand und ziehe mich sanft hinter sich her, so wie es ein Großvater lächelnd mit seinem Enkel tun würde.
In letzter Zeit habe ich nicht oft an damals gedacht. Irgendwie hatte ich zu viel zu tun, eine Aussage, die bei Megan wieder Kopfschütteln auslösen würde. Außerdem erscheint mir meine Kindheit als zu weit entfernt, und sie scheint immer kleiner und lichtloser zu werden, obwohl mich im Grunde ein starkes Band an diese Zeit fesselt.
Mein Vater hatte mir einmal erzählt, ein Mann soll seine Vergangenheit weder leugnen, noch vergessen. Und erst recht darf er dieses spezielle Band niemals durchtrennen. Ein Mann wäre nichts ohne die Dinge, die ihn groß gemacht haben.
Er hatte mir damals so viel beigebracht, wofür ich ihm im Nachhinein betrachtet dankbar bin. Dieser Satz war einer von vielen, die mich auf den richtigen Weg führen sollten.
Ich presse Big Joe G.I. gegen meine Brust und spüre fast augenblicklich, wie sich mein Herzschlag beruhigt. Mir ist es gleich, dass ich mich im Schlafzimmer meines eigenen Hauses einsperren muss, um Megans Angriffen zu entgehen. Und es ist mir auch egal, wo sich Megan gerade aufhält, oder was sie tut. Wahrscheinlich telefoniert sie gerade mit ihrer Freundin Clara, um sich wieder einmal bitterlich über ihr Leben mit einem Versager wie Jackson zu beklagen. Es ist mir gleich, was sie dieser Schlampe von Freundin erzählt. Zufällig weiß ich, dass Clara sich in schöner Regelmäßigkeit von ihrem Fitnesstrainer vögeln lässt, und wie ich Clara einschätze, tut sie das mitten auf dem Esszimmertisch, an dem sie dann etwas später ihrem Mann und ihrer Tochter das Abendessen serviert und dabei heimlich mit dem Fingernagel die Reste ihrer Ausschweifungen von der Tischplatte kratzt. Aber das würde ich Megan ganz sicher nicht auf die Nase binden. Wer weiß, wofür ich dieses wertvolle Wissen eines Tages noch gebrauchen kann.
Big Joe ist bei mir, so wie er es immer war, und er nimmt mich an der Hand und führt mich zurück in meine Kindheit. Es tut gut, ihn bei mir zu haben, denn mit ihm war ich nie alleine.
Ich frage mich, warum ich mich heute immer noch so gut an meine ersten Tage mit dem Hellraiser erinnern kann. Vielleicht, weil mit dem Fahrrad alles begann. Oder aber, weil ich mit ihm die letzten Tage meiner Kindheit teilen durfte. So oder so, das Hellraiser war der Schlüssel.
Ich drehe Big Joe in meinen Händen und denke an jene Tage zurück. Ein kaltes Gefühl des Verlustes öffnet sich in meinem Magen. Verdammt, das Hellraiser ist tatsächlich die letzte unschuldige Erinnerung an eine Zeit, in der ich noch ein Kind sein durfte. Alles, was nach dem Tag als die Raumfähre explodierte kam, ist befleckt und hat nichts mehr mit Kindheit und Unschuld zu tun.

***

Ich fuhr jeden Tag mit dem Hellraiser die Straße hoch und runter und wurde zu Mario Andretti, der zwei Jahre zuvor die Indy-Car-Serie gewann und seitdem ein Held für mich war.
Big Joe saß immer auf der Lenkstange, die Beine so zurechtgebogen, dass er mit Klebeband fixiert bequem sitzen konnte und die Straße im Auge hatte.
Ich stellte mir vor, wie ich vor Tausenden von Zuschauern meine Runde drehte und als Erster wie der Blitz durchs Ziel schoss. Dabei brüllte die Menge aus einer rauen, von Bier aufgeweichten Kehle unentwegt meinen Namen, während ich Big Joe ins Ohr flüsterte, dass »wir es endlich geschafft hatten«.
Ich wusste damals noch nicht, dass dies die letzten Tage von Sorglosigkeit und Freiheit waren, die für ein Kind selbstverständlich sein sollten. In dem Alter denkt man nicht weiter als bis zum nächsten Tag. Meine Haare flogen wie Furien im Wind, obwohl mir meine Mutter gesagt hatte, ich solle meine Mütze tragen. Doch es war gerade die Kälte, die ich genoss, und die mir das Gefühl verlieh, unsterblich zu sein. Andretti hatte während seiner Rennen mit Sicherheit auch keine alberne Wollmütze getragen. Wenn ich dann eine Pause einlegte und mich auf die Bank unter der alten Ulme neben dem Spielplatz setzte, dann war ich der total erschöpfte, aber glückliche Andretti, der nach einem weiteren Sieg ein Interview gab und sich dabei mit einer lässigen Geste den Schweiß von der Stirn wischte.
Obwohl ich Indy-Car-Weltmeister war, musste ich jeden Abend um sieben Uhr zu Hause sein. Ich verstand meine Mutter damals nicht, denn in der Straße war es ruhig und in unserer Stadt war noch nie etwas Schlimmes passiert. Außerdem war ich bereits zwölf, und damit kein kleiner Junge mehr.
Trotz meines Unverständnisses hielt ich mich jeden Tag an die Regel meiner Mutter. Manchmal war ich sogar einige Minuten vor sieben Uhr zu Hause, was mir allerdings nie ein Lob einbrachte.
Sechs Tage nach meinem Geburtstag saß Cecilia auf der alten Holzbank unter der Ulme und sah mir zu, wie ich die Straße rauf und runter fuhr. Ich vermied es, sie anzuschauen, doch jedes Mal, wenn ich an der Bank vorbeikam, konnte ich ihre verliebten Blicke wie glühende Dolche in meinem Rücken spüren. Und mit »glühend« meine ich die Art von Glühen, mit dem man als zwölfjähriger Junge relativ wenig anfangen kann. Ich hatte merkwürdigerweise das Bild in meinem Kopf, dass Cecilia versuchte, mich mit ihren Augen einzufangen und zu sich heranzuziehen. Eigentlich wollte ich nicht mit ihr reden, denn ich wusste nicht erst seit meinem unglückseligen Geburtstag, dass sie mich mochte, und das allein war schon Grund genug, ihr aus dem Weg zu gehen.
Doch ich beendete mein Autorennen jeden Tag an der Bank neben dem Spielplatz und gab mir selbst ein Interview. Davon wollte ich mich auch von Cecilia Pferdezahn nicht abbringen lassen.
Als ich auf sie zufuhr und der Abendwind in meinen Ohren pfiff, konnte ich ihre Spange im letzten Tageslicht glänzen sehen. Es sah aus, als hätte ihr jemand ein Geschirr aus kleinen Glassplittern um den Kopf gelegt.
Die Kälte hatte mein Gesicht gerötet und ließ die Schwellung von der Ohrfeige meines Onkels noch immer wie ein Feuermal brennen.
Ich fühlte mich unwohl, als ich das Hellraiser gegen die Ulme lehnte und mich neben Cecilia setzte. Um nicht zu viel mit ihr reden zu müssen, täuschte ich Atemnot vor, stützte mich keuchend auf den Knien ab und starrte auf den Boden. Meine Beine zitterten vor Erschöpfung, was mir damals peinlich war. Es war Cecilia, die anfing zu erzählen und mir dabei immer wieder verliebte Blicke zuwarf.
Es ging natürlich wieder um ihre kleine Schwester, die am Morgen mit voller Absicht einen Teller zu Boden fallen ließ und dafür zwei Tage Hausarrest bekam. Ich hatte nicht alles verstanden, was Cecilia erzählte, denn durch ihre Zahnspange lispelte sie so stark, dass sie sich nicht selten dem Spott ihrer Schulkameradinnen ausgesetzt sah. Zumindest was das anbelangte, ähnelten wir uns. Nicht, dass ich eine Zahnspange hatte, aber der Spott war stets derselbe.
Als sie merkte, dass es mich herzlich wenig interessierte, für wen ihre Schwester schwärmte, und mich schließlich nach dem Hellraiser fragte, begann ich dann doch aufzutauen und erzählte ihr, wie mein Vater es mir nach der Feier geschenkt hatte und ich seitdem jeden Tag die Straße rauf und runter fuhr. Dass ich mir dabei einbildete, Andretti zu sein, behielt ich natürlich für mich. Sie erwiderte, sie wüsste das, denn sie hätte mich immer von ihrem Fenster aus beobachtet, ich hätte sie lediglich nur nie gesehen, weil ich zu schnell gewesen war. Schnell wie ein Furz, hatte sie es damals genannt, ich kann mich noch gut an ihre Worte erinnern. Dabei lachte sie, und ihre Diamanten im Mund funkelten.
In Wahrheit hatte ich Cecilia natürlich gesehen, denn sie wohnte nur drei Häuser weiter auf der anderen Straßenseite und ich konnte sie gar nicht übersehen. Ich wollte sie nur nicht sehen, denn dadurch wäre sie mit Sicherheit auf die Straße gekommen und hätte im schlimmsten Fall ihr albernes Mädchenfahrrad mitgebracht, das rosafarben war und bunte Eisstiele an der Lenkstange hängen hatte. Zusammen mit Cecilias Fahrrad hätte ich niemals Andretti sein können.
Wir unterhielten uns an diesem Abend richtig gut miteinander, was wahrscheinlich daran lag, dass ich vom Hellraiser erzählen konnte und Cecilia nur wenig Neues von ihrer Schwester zu berichten hatte. Es war das erste Mal, seit ich Cecilia kannte, dass ich sie nicht als »Pferdezahn« betrachtete, sondern als ein Mädchen, das zusammen mit mir in dieselbe Schule ging, für mich schwärmte und genauso ein Außenseiter war wie ich.
Mir war es nicht einmal peinlich, ihr von Big Joe zu erzählen, der immer noch festgeklebt auf der Lenkstange saß und die Straße im Auge behielt. Cecilia lachte nicht über das, was ich ihr sagte, beachtete Joe aber nicht weiter.
An jenem Abend kam ich später als sieben Uhr nach Hause. Ich kann mich heute nicht mehr daran erinnern, um wie viele Minuten ich die vorgeschriebene Zeit überschritten hatte, doch es genügte meiner Mutter, mir eine Predigt zu halten und anschließend meinen Vater anzuweisen, mir mein Fahrrad für eine Woche wegzunehmen.
Damals hasste ich meinen Vater für die Kaltblütigkeit, mit der er das Hellraiser über den Hof und zum Garten schob, um es im Schuppen verschwinden zu lassen. Er sagte kein Wort, befolgte einfach nur die Anweisung.
Ich hasste meine Mutter für ihre unsinnige Regel, dass ich, obwohl ich schon zwölf Jahre alt war, pünktlich um sieben Uhr zu Hause sein musste, und ich hasste mich dafür, dass ich mich von Cecilia ablenken ließ und ihr lieber von dem Fahrrad erzählt hatte, als einen kurzen Blick auf meine Armbanduhr zu werfen.
Irgendwann in dieser Nacht, in der ich lange wach lag und über den Tag nachdachte, begann ich auch Cecilia zu hassen. Dafür, dass ich wegen ihr eine Woche lang auf mein Fahrrad verzichten musste, dass ihre Zahnspange wie Diamanten geglänzt hatte, dass sie eine nervende Schwester hatte und dafür, dass sie mich mochte und mich das bei jeder Gelegenheit spüren ließ. Ich hasste sie für die glühenden Dolche in meinem Rücken und dafür, dass sie überhaupt existierte.

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