House of RainHouse of Rain 3D

Greg F. Gifune

HOUSE OF RAIN

Mystery-Thriller/Horror

Taschenbuch
128 Seiten
ISBN: 978-3-95835-103-5
eISBN:978-3-95835-081-6
ERSTERSCHEINUNG: 2015

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BeschreibungAutorMeinungen zum BuchJetzt reinlesen

Gordon Cole ist ein müder, einsamer alter Mann. Der von seinen Vietnamerinnerungen verfolgte Kriegsveteran ist seit kurzem Witwer und schlägt sich in einer Nachbarschaft durch, in der das Leben immer gefährlicher wird. Während er den Tod seiner geliebten Frau Katy betrauert, droht er im Albtraum seiner schrecklichen Vergangenheit zu ertrinken. Und dann fängt das Flüstern in der Dunkelheit an. Gnadenlos jagen ihn erschütternde Visionen, der Klang von engelshaftem Singen hängt über jeder wachen Stunde, und alle Menschen seines Umfelds scheinen sich aus Gründen gegen ihn verschworen zu haben, die er noch nicht verstehen kann.
Als der Regen beginnt und die Stadt durchtränkt, begreift Gordon, dass er sich seiner Vergangenheit stellen und das dunkle Geheimnis lösen muss, das ihn seit fast fünfzig Jahren verfolgt.
Wer war die mysteriöse Frau, die er damals in einer Bar kennengelernt hat? Was ist in dem heruntergekommenen Motel passiert, in das sie gingen? War tatsächlich überhaupt etwas geschehen?
Während Gordon nach Antworten sucht, beobachtet ihn etwas aus dem immer stärker fallenden Regen und wartet, bietet ihm an, ihn von seinen Albträumen zu befreien. Aber die Schlüssel zu Himmel und Hölle kosten einen furchtbaren Preis.
Willkommen daheim, Gordon.
Willkommen im Haus des Regens.


»Eine meisterhafte Geschichte über Liebe, Verlust, Freundschaft, Schmerz und Leid … eine Geschichte, die Sie emotional mitnehmen wird.« [Peter Schwotzer, Famous Monsters of Filmland]

»Ein weiteres Meisterwerk« [Josef Hernandez, Examiner]

Bestseller-Autor Greg F. Gifune wohnt in Massachusetts mit seiner Frau Carol, einer Schar Katzen und zwei Hunden, Dozer und Bella. 

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»House of Rain ist eine Novelle, die einen bis ins Mark erschüttert. Gifune schafft es mit nur 94 Seiten, den Leser vollkommen perplex und nachdenklich nach dieser Lektüre zurückzulassen. Der Autor hebt das Horrorgenre auf die intellektuelle und anspruchsvolle Ebene und geht dabei so elegant vor, dass es schon fast poetisch wirkt. Tatsächlich hat er mich komplett mit dieser Geschichte überrascht. Es geht um den psychologischen Horror, denn bei Gifune ist der Ort des Verbrechens der Mensch.« [Amazon Leser]

»House of Rain ist ein beklemmender Thriller über das Altwerden, Altsein, Trauer, innere Dämonen, Liebe und deren Verlust. Die Schreibweise des Autors zwingt den Leser zum Nachdenken und wenn der letzte Satz gelesen ist, muss man seinen Kopf noch etwas anstrengen. Mich hat das Buch jedenfalls berührt und zum Nachdenken gebracht.« [Dave2311, büchertreff.de]

Die Nacht, in der sie ihn wegen Katy anriefen, regnete es. Ein heftiger, urzeitlich anmutender Regen, der auf alles in seiner Bahn eintrommelte und letztendlich mehrere Tage andauerte. Gordon hatte die Wettervorhersage nicht gesehen, deshalb überraschte ihn der Regen. Aber den Anruf hatte er erwartet, und zwar schon seit einiger Zeit. Natürlich wusste er nicht genau, wann er kommen würde, aber er war darauf vorbereitet. Die Ärzte hatten ihm gesagt, es sei nur eine Frage der Zeit. Aber war das nicht mit allem so?
Er hatte immer angenommen, dass der Anruf spät in der Nacht kommen würde, wie bei dieser Art von Telefonaten üblich, und dass er ihn aus einem tiefen Schlaf reißen und ihn voller Angst wach werden lassen würde. Er hatte sich vorgestellt, wie er die Nachttischlampe anknipsen und einen Moment lang im Bett liegen und das Telefon anstarren würde, bis er endlich den Mut fand, abzunehmen. Aber so geschah es gar nicht. Der Anruf kam stattdessen kurz, nachdem er mit dem Dinner fertig war. Draußen war es dunkel, aber er war hellwach und lümmelte sich mit der Fernbedienung im Sessel. Ein alter Film flackerte über die Mattscheibe; die einzige Lichtquelle in seiner kleinen Wohnung. The Women, erinnerte er sich, das Original mit der großartigen Besetzung klassischer Filmstars. Es war einer von Katys Lieblingsfilmen. Die Vorliebe für alte Movies hatten sie beide, insofern war es vielleicht passend (wenn auch etwas unheimlich), dass der Anruf kam, während er sich diesen Film anschaute.
Noch bevor er an das schnurlose Telefon ging, das auf dem Beistelltisch lag, wusste er, was auf ihn zukam. Und irgendwo tief in sich fand er die Stärke, sich dem Anruf zu stellen. Vielleicht war er einfach erschöpft und konnte es nicht mehr ertragen; wer wusste das schon so genau?
»Mr. Cole, hier ist Dr. Lynch. Es tut mir sehr leid, Ihnen sagen zu müssen, dass Ihre Frau Katharina vor ein paar Minuten gestorben ist. Mein herzlichstes Beileid, Sir.«
Manchmal ist der Tod dem Warten auf sein baldiges Eintreten vorzuziehen.
Und manchmal nicht.
Die Erinnerungen verblassen. Es ist fast vorbei. Die Nacht war wie immer angebrochen, langsam und sinnlich und gefährlich, während die dunklen Träume innen an seinem Schädel kratzten. Aber jetzt geht die Sonne auf, durchbrennt die Dunkelheit, beleuchtet die Stadt, tötet die Nacht und nimmt der Angst ihr Gewicht, beschwichtigt das Flüstern von Dämonen und lässt seine schrecklichen Erinnerungen zu Schwärze gerinnen. In manchen Nächten schläft er, allerdings nur selten gut. Die meisten verbringt er damit, sich durch lange dunkle und erschreckende Stunden voller trügerischer Stille zu kämpfen, in denen die Vergangenheit noch lebt und tückisch und ihr tödlicher Griff so stark wie immer ist.
Manchmal hilft Alkohol. Drogen dagegen immer.
Gordon stopft seine kleine Glaspfeife mit Hasch, zündet sie mit einem Feuerzeug an und saugt den Rauch tief in seine Lungen. Beim Ausatmen beobachtet er, wie die Stadt hinter seinem Wohnungsfenster für einen Moment in Nebel aus gekifftem Rauch verschwindet. Als so etwas wie Entspannung einsetzt, breitet sich ein warmes prickelndes Gefühl in seinem Körper aus. Die alten Dämonen verblassen und kräuseln sich wie der Rauch ins Unsichtbare davon, und doch bleibt etwas von beidem zurück, hängt in der Luft und ist in ihm gefangen.
Wie eine Krankheit, denkt er.
Und genau das ist die Vergangenheit für Gordon Cole.
Von Stille umgeben sitzt er im gleichen Sessel und raucht drei Pfeifen hintereinander, sodass sich das Zimmer mit einer stechenden Wolke von Marihuana füllt. Er fragt sich, wie viele Stunden er wohl schon in diesem abstoßenden Möbelstück aus dem Secondhandladen verbracht hat. Egal, wie groß die Summe sein mag – er ist sich sicher, dass es zu viele sind. Als Katy noch am Leben und gesund gewesen war, hatte er nicht so viel Sitzfleisch gehabt. Ging auch gar nicht anders mit solch einer aktiven Frau.
Und dann kam die Krankheit …
Was fehlt dir denn, Sweetheart?
Ich fühl mich nicht gut. Irgendwie fühl ich mich nicht gut. Bin immer so müde, und dann dieser Husten.
Du bist in letzter Zeit sehr blass. Hol dir besser einen Termin beim Arzt.
Hab ich schon. Es ist bestimmt nichts Ernstes.
Katy ist seit über einem Jahr tot, aber an den meisten Tagen fühlt es sich an, als sei es erst Wochen her. Gordon hat alles versucht. Er hat Bücher über Verlust und Trauerbewältigung für Hinterbliebene gelesen – sogar die, die extra für Witwer gedacht sind –, er hat mit den Frauen von der Sozialberatung geredet und ist kurzzeitig sogar bei einem Psychologen gewesen, einem Mann mittleren Alters mit leiser Stimme namens Spires. Ab und zu ruft dessen Sekretärin an und fragt, ob er nicht wieder einen Termin haben möchte, aber er lehnt immer höflich ab und erklärt, dass es ihm jetzt viel besser geht. Das glaubt ihm niemand – warum auch –, und so kommen die Anrufe weiter. Er hat stattdessen angefangen, zu einer Selbsthilfegruppe für Hinterbliebene zu gehen. Die Gruppe trifft sich ein Mal pro Woche, wird von einer anderen Psychologin japanischer Abstammung namens Amaya geführt und hat keine Regeln, was die Beteiligung angeht. Gordon gefällt das. Er ist zweimal da gewesen, aber hat bisher noch nichts gesagt. Niemand zwingt ihn zum Reden, und so schweigt er. Er hört einfach zu. Das scheint etwas zu helfen. Oder vielleicht lenkt es ihn auch nur ab. Er ist sich noch nicht sicher. Vielleicht ist es ihm egal.
Gordon schließt die Augen. Er durchschwimmt die Dunkelheit, lässt sich von seinem High tragen, und erinnert sich einen kurzen Augenblick daran, wie es sich anfühlt, jung und stark und beweglich zu sein. Er erinnert sich daran, Joggen zu gehen oder Fahrrad zu fahren. Er erinnert sich daran, zu leben. Und Katy, immer ist seine Katy dabei und mahnt ihn, wie schnell das Leben zu etwas werden kann, dass es wert ist, gelebt zu werden – etwas Berauschendes und Magisches wie ein Märchen – und dann genauso schnell … das hier.
Er öffnet die Augen, legt die Pfeife weg und stemmt sich auf die Beine. Langsam schlurft er auf dem Weg zur Küche durchs Wohnzimmer, und seine abgewetzten Mokassins schleifen über den kahlen Holzfußboden. Ihm ist kalt, bevor er in der Küche ankommt. Immer ist ihm jetzt so gottverdammt kalt. Er wickelt sich die Strickjacke enger um sein Pyjamaoberteil.
Scheiße, denkt er, ich kann von einem Ende dieser Absteige zum andern spucken. Warum fühlt es sich an, als ob ich grad einen Marathon gelaufen bin?
Wenn er lange genug in die Stille horcht, kann er hören, wie Katy ihm antwortet.
Weil du ein alter Sack bist. Darum.
Seine Lippen kräuseln sich mit so was wie einem Lächeln. Er verbannt es und nimmt sich sein Müsli aus dem Schrank. Normalerweise tut ihm die Schulter weh, aber das Haschisch ist ein natürliches Schmerzmittel und daher fühlt er nichts. Was nicht ganz stimmt. Kichern. Er fühlt sich, als würde er gern kichern. Und so tut er es auch. Als er sein Product 19 mit Milch übergossen hat, ist das Lachen weg. Seltsam, dass er nur lacht, wenn er richtig high ist – und selbst dann ist es ein seelenloses, leeres Lachen. Ohne jegliche Bedeutung.
Trotzdem fängt er wieder an zu kichern. Er kann sich nicht dagegen wehren.
Elender Idiot. In deinem Alter noch eine völlig zugekiffte Birne.
»Sind Sie auf Drogen?«, fragt er laut in seiner besten autoritären Stimme.
Gordon zieht seinen Stuhl vor und setzt sich an den kleinen Tisch. Noch ein tolles Schnäppchen von der Salvation Army, denkt er. Manchmal fragt er sich, wem diese Dinge früher gehörten und erinnert sich, wie einmal während seines Einkaufs dort ein junges Pärchen an ihm vorbeigegangen war und der Mann moserte, dass er aus dem Laden rauswollte, da »dieser ganze Schrott, die Klamotten und Möbel und alles hier gelandet sind, weil irgendwer gestorben ist. Du stöberst in den Sachen von toten Leuten rum.«
Womit das kleine Arschloch recht gehabt hatte.
Als Katy starb und er sich die schöne große Wohnung, die sie jahrelang bewohnten, nicht mehr leisten konnte, verkaufte oder verschenkte er das meiste an die Salvation Army. Jetzt saßen fremde Menschen auf Katys Möbeln, benutzten ihr Besteck, trugen sogar ihre Kleidung. Und er macht dasselbe mit den Sachen von jemand anderes. Gordon findet das gruselig, aber denkt trotzdem über diese Art von Dingen nach, während er sein Müsli isst; hier in diesem winzigen Apartment in diesem heruntergekommenen Wohnbezirk – denn als Katy starb, sind auch ihr gemeinsames Leben und ein großer Teil von Gordon gestorben.
Er isst sein Müsli auf, lässt den Löffel in die Schale fallen und schiebt sie beiseite. Die Lust auf etwas Süßes stellt sich ein. Brownies. Er will Brownies. Warum zum Teufel hat er keine Brownies? Kann er welche backen? Wäre es den Aufwand wert, zum Laden an der Ecke zu gehen und sich welche zu holen? Haben sie dort überhaupt Brownies? Die Backmischung vielleicht, aber die wird in so einem Laden ein Vermögen kosten. Oder diese einzeln verpackten Dinger mit den Nüssen drin? Werden die noch hergestellt? Vielleicht Kuchen. Er könnte sich Kuchen holen, wenn er keine Brownies finden kann. Eine Obstschnitte wäre gut. Eine von Hostess, Blaubeere würde – nein, Moment – Kirsche – ein Stück Kirschtorte. Und Chips.
Klar, in dieser Wohnung braucht es Pringles.
Gordon steht auf und nimmt seine Brieftasche von der Anrichte: zerknautschtes und abgenutztes schwarzes Patentleder. Er schaut nach Bargeld. Achtzehn Dollar. Er sieht auf den kleinen magnetischen Kalender an der Kühlschranktür, einen, der umsonst war – von irgendeiner Maklerfirma, die den Kalender an ihn und vermutlich jeden anderen Bewohner der Stadt verschickt hatte. Es ist fast Monatsende. Sein Sozialhilfescheck kommt erst in zwei Wochen. Müde wirft er seine Brieftasche und seine achtzehn Dollar zurück auf die Anrichte und durchquert die Wohnung zum Schlafzimmer.
Vor dem einzigen Fenster ist der Rollladen unten – da es auf eine Ziegelwand schaut, ist er meistens runtergezogen – und wirft das Zimmer in Dunkelheit. Er knipst eine Lampe auf seiner Kommode an, geht dann zu einem kleinen Schreibtisch an der anderen Wand und zieht eine Schublade auf. Unter einigen Papieren findet er sein Scheckbuch und sein Sparbuch. Obwohl er sie gerade erst vor ein paar Tagen durchgesehen hat, als er seine Monatsrechnungen bezahlte, überprüft er sie trotzdem noch mal. In seinem Scheckkonto sind zweihundertvier Dollar und in seinem Sparkonto knapp fünfhundert.
Zweiundsiebzig Jahre alt, und ich besitze ganze siebenhundert Dollar. Heilige Scheiße. Diesen Monat gibt’s kein Geld für Extras, kein Geld für diese … Moment. Wofür brauche ich das Geld jetzt? Da war doch was, dass ich kaufen wollte, aber ich weiß nicht mehr, was zum Teufel es war. Das verdammte Gras lässt mich Sachen vergessen, ich …
Sein Magen rumort.
Torte! Das war’s. Verdammt, ich hab mehr als genug für ein paar Kirschtorten. Ich kann –
Ein lauter Knall auf der Straße lenkt ihn ab. Es ist definitiv das Geräusch von zersplitterndem Glas, vermutlich von einer Flasche. Dann sind gedämpfte Stimmen zu hören. Wütende, aggressive Stimmen, denen ein Schrei folgt – der Schrei eines Mannes – und dann noch mehr Gebrüll.
Gordon geht zurück ins Wohnzimmer und schaut aus dem Doppelfenster an der Vorderfront, das zur Straße zeigt. Seine Wohnung ist im ersten Stock, also über der Straße gelegen, aber immer noch nahe genug, um ihn deutlich sehen zu lassen, was unter ihm vor sich geht.
Ein Obdachloser, den er oft im Park auf der gegenüberliegenden Straßenseite gesehen hat, liegt ausgestreckt auf dem Gehweg. Er ist wohl um die sechs oder sieben Jahre älter als Gordon. Er liegt auf dem Bauch und es scheint, als ob er aus großer Höhe gefallen und dort gelandet ist – sein abgewetzter langer Mantel liegt um ihn ausgebreitet auf dem Boden. Nicht viel weiter, knapp außerhalb seiner Reichweite, sind die zerbrochenen Überreste einer Weinflasche. Glassplitter bedecken seinen Rücken und Blut rinnt aus einer langen Schnittwunde an seiner Kopfseite, wird zu einem Heiligenschein, der über die Bordsteinkante und in den Gully tropft.
Ein paar Teenager umringen ihn wie eine Horde Todesengel, lachen und springen herum, halten ab und zu inne, um dem Mann in die Seite zu treten. Er versucht wegzukriechen, aber sie stürzen sich wieder auf ihn, kicken und treten, bis er aufhört, sich zu bewegen. Menschen wechseln die Straßenseite oder hasten vorbei, wollen nicht darin verwickelt werden. Autos fahren vorbei. Niemand hält an.
Gordon erkennt die kleinen Arschlöcher. Sie kommen aus der Nachbarschaft, den Sozialwohnungen um die Ecke. Er spürt, wie sich seine Hände zu Fäusten ballen, als Wut in ihm hochsteigt. »Kleine Arschlöcher«, grummelt er. Aber er weiß, dass er diese Wut nicht zulassen kann; er muss sie zurück in die Dunkelheit stoßen, wo sie hingehört.
Aber irgendwas sollte ich doch tun, ich – irgendwas, verdammt noch mal!
»Scheiß Penner!«, brüllt einer der Jungs laut genug, dass es durchs geschlossene Fenster zu hören ist. »Besorg dir mal ‘nen Job, du bettelndes Stück Scheiße!«
Die andern lachen und feuern ihren Freund an, während der obdachlose Mann erneut wegzukriechen versucht. Sie lassen ihn ein paar Meter weit kommen, bevor einer, anscheinend der Anführer, ein etwas älterer Junge um die achtzehn, der seine Baseballkappe seitwärts gedreht trägt, sich breitbeinig über den hingefallenen Mann stellt und auf ihn draufpinkelt.
Zwei Frauen um die dreißig tauchen plötzlich aus dem Park auf der anderen Straßenseite auf. Eine von ihnen spricht in ihr Handy, während die andere die Arme schwenkt und die Jungs anschreit, als ob sie ihnen damit Angst einjagen könnte. Stattdessen lachen sie und einer von ihnen springt mit gespielter Aggressivität auf sie zu. Sie hält inne und stolpert rückwärts auf die Straße, wo sie fast von einem Bully angefahren wird, der einen Schlenker macht, laut hupt und schnell davonfährt. Die Frau am Handy verkündet so laut sie kann, dass sie die Polizei angerufen hat und dass sie unterwegs ist.
Einer der Jungs schlägt ihr das Telefon aus der Hand. Ein anderer kommt von hinten auf sie zu und greift ihr an den Hintern. Sie wirbelt herum, um ihn zu ohrfeigen, aber er ist schon zu seinen Freunden zurückgestolpert, die alle lachen.
Zwei Männer kommen dazu, einer jung, der andere mittleren Alters. Sie treten dazwischen und beschützen den Obdachlosen, während sie sich gleichzeitig zwischen den Jungs und den beiden Frauen halten, von denen eine so wütend ist, dass sie davon abgehalten werden muss, die Teenager anzugreifen.
Worte werden gewechselt, Drohungen ausgetauscht, und dann gehen die Jungs schließlich weiter. Als sich die beiden guten Samariter über den obdachlosen Mann beugen, tritt Gordon vom Fenster weg. Sein Herz schlägt wie ein Hammer in seiner Brust. Etwas benommen kehrt er für einen Moment zu seinem Sessel zurück. Die Augen schließt er nicht, da er weiß, was für Visionen und Erinnerungen sein Gehirn dann hervorzaubern würde.
Sein High ist fast verflogen.
Eine gottverdammte Wohngegend, denkt er. Es ist da draußen zu gefährlich, um mir eine elendige Torte kaufen zu können, wenn ich eine haben will.
»Ich muss umziehen«, murmelt er. »Irgendwo hin, wo’s nicht so gefährlich ist.«
Aber einen solchen Ort gibt es nicht. Nicht für Gordon. Dessen ist er sich bewusst.
Katy hat die Stadt geliebt, aber ihn hat sie weder begeistert oder abgestoßen. Warum bleibt er dann hier? Warum ist er in diese Absteige gezogen, nachdem Katy gestorben war und er es sich nicht mehr leisten konnte, in einer anständigen Gegend zu bleiben? Wieso war er nicht fortgezogen, als er noch konnte? Es war ihm treulos vorgekommen. Er musste in der Stadt bleiben, an der Katy hing. Die Wahrheit war, dass er gehofft hatte, das Bleiben in der Stadt könnte sie für ihn weiterleben lassen. Er hatte sich geirrt.
Unter seinem Fenster kann er noch mehr Tumult und Gerede hören.
Hoffentlich ist ein Krankenwagen gekommen und dem armen alten Mann wird nun geholfen.
Alter Mann.
Verdammt, denkt er, das könnte ich da draußen auf dem Gehweg sein, voller Blut und Pisse und weiß Gott was noch.
Aus der Ferne kommt ein seltsames Grollen. Gordon braucht einen Moment bis ihm klar wird, dass es Donner ist, was er hört. Er schaut zu den Fenstern. Regen beginnt zu fallen, klopft an die Scheiben und lässt die Welt hinter dem Glas langsam verschwimmen.
Katy, bist du das?
Als sei es eine Antwort, strömt der Regen heftiger herunter. Oder bildete er sich das nur ein?
Sag mir, was ich machen soll, Sweetheart, ich – ich weiß nicht mehr, was ich machen soll, ich … ich bin so einsam, Katy, ich … ich bin ohne dich verloren … ohne dich verdammt …
Er verabscheut seine Schwäche. Schlimmer noch, Katy hätte das auch nicht sonderlich gemocht. Sie war der wärmste, mitfühlendste, geduldigste und verständnisvollste Mensch, den Gordon je gekannt hatte, aber sie war zugleich so stark und nüchtern gewesen, so praktisch veranlagt. Selbst wenn sie ihm nicht hätte helfen können, wäre sie immerhin in der Lage gewesen, ihn zu beruhigen und die Angst zu verscheuchen – wenn auch nur für kurze Zeit.
Das Telefon klingelt und erschreckt ihn.
Er nimmt es vom Beistelltisch. In seinem kleinen Finger pocht die Arthritis, weil er vorhin so stark die Fäuste geballt hat. »Hallo?«
»Hallo, spreche ich mit Mr. Cole?«, fragt ein Mann mit starkem indischen Akzent.
»Ja, hier spricht Gordon Cole.«
»Guten Morgen, Mr. Cole, mein Name ist Andrew und ich rufe Sie heute im Auftrag der American Eagle Vitamin Company an. Ich würde Sie sehr gern über unsere extra für Senioren entwickelten Multivitamintabletten informieren, die ich Ihnen als einmaliges Sonderangebot anbieten kann. Wir können sie direkt bis an Ihre Haustür liefern, und wenn Sie heute davon Gebrauch machen und mit einer der großen Kreditkarten zahlen, Mr. Cole, kann ich Ihnen anbieten, keine Versandgebühren zahlen zu müssen und dazu noch umsonst ein ganz besonderes Geschenk …«
Gordon will keine Vitamine und hat nicht vor, sich welche zu kaufen. Aber er lässt Andrew weiterreden. Als er fertig ist, stellt er sogar ein paar Fragen, behält ihn so lange wie möglich am Telefon und tut so, als ob Andrew ein Freund ist, der ihn nur zum Reden angerufen hat. Es hilft ihm, den Obdachlosen zu vergessen. Es hilft ihm, alles zu vergessen.
Als Andrew schließlich merkt, auf was er sich da eingelassen hat, beendet er das Gespräch.
Gordon legt auf. Er wirft einen Blick auf die leere Pfeife und seufzt.
Der Regen fällt weiter.
Ich werde rausgehen, denkt er. Ich werde raus in den Regen gehen. Ich kann hier nicht länger bleiben. Nicht in der Wohnung und nicht in dieser Stadt. Vielleicht auch nicht in dieser Welt. Ich werde rausgehen und nicht wiederkommen; niemals.
Aber langsam fallen ihm die Augen zu, und bevor er es merkt, ist Gordon fest eingeschlafen.

 

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