JETKatzendämmerung 3D

Arthur Gordon Wolf

KATZENDÄMMERUNG

Thriller

PERFECT PAPERBACK
672 Seiten
ISBN: 978-3-943408-15-7
eISBN: 978-3-943408-97-3
ERSTERSCHEINUNG: 2013

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BeschreibungAutorMeinungen zum BuchJetzt reinlesen

Das, was ich bislang für die wirkliche Welt, die Realität, gehalten hatte, war nichts weiter als eine plumpe Täuschung, eine dünne Haut, hinter der sich das wahre Grauen verbarg.

Es gibt Geheimnisse, die besser für alle Zeiten im Verborgenen bleiben. Zu dieser Erkenntnis gelangt der Fotograf Thomas Trait jedoch etwas zu spät. Hals über Kopf verliebt er sich in eine junge und überaus attraktive Übersetzerin antiker Schriften. Natascha hat jedoch nicht nur einen ungewöhnlichen Beruf – etwas Mysteriöses, ja Düsteres, scheint ihr anzuhaften; wild und bedrohlich. Doch es sind gerade diese Schattenseiten, die sie für Trait noch anziehender werden lassen.
Als er versucht, das Geheimnis seiner Geliebten zu ergründen, bezahlt er einen hohen Preis. Und der Tod ist nicht das Ende …

Katzendämmerung – Arthur Gordon Wolfs episches Meisterwerk über Katzen, Götter und Dämonen … ein düster-erotischer Thriller der Extraklasse!

… eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe. Einfach unglaublich gut! Packend, spannend, unheimlich, erotisch. Ein Highlight. [Claudia Junger – Krimi&Co]

 

 

Aufzeichnungen aus dem Nachlass von Leland J. Copeland, freier Feuilleton-Journalist beim ›S.F. Examiner‹ und Autor der Bücher ›Das Große Beben‹ (Eureka Press 1907) und ›San Francisco - Die unerzählte Geschichte‹ (McPherson + Border 1928)

Es ist bekannt, dass in Zeiten großer Not und Gefahr das wahre Wesen der Menschen zu Tage tritt. Schmächtige, blasse Jünglinge vollbringen mitunter Heldentaten und gestandene Mannsbilder verkriechen sich zitternd unter den Röcken ihrer Frauen. Es scheint, als ob sich nicht selten die offensichtlichen Vorzeichen umkehren würden: Aus Mut wird Feigheit, aus Angst Entschlossenheit, aus Stärke wird Panik und aus Eigensucht Barmherzigkeit.
  Natürlich geschieht dies nicht immer, kein Mensch aber kann im Voraus sagen, wie er sich in einer derartigen Ausnahmesituation verhalten wird. Naturkatastrophen wie Erdbeben, Überschwemmungen und Feuersbrünste können durchaus als gottgesandte Prüfungen betrachtet werden, die die Heimgesuchten in zwei Lager aufspalten: die Guten und die Bösen. In Notzeiten muss ein jeder Farbe bekennen, Weiß oderSchwarz, gut oder böse; eine andere Wahl bleibt nicht. Erst so dramatische Ereignisse wie ein Krieg oder eben das große Beben von 1906 dringen tief hinab zur menschlichen Seele … und offenbaren dort zuweilen finsterste Abgründe.
  So ist eben auch bekannt, dass gerade dort, wo die Siege des Altruismus gefeiert werden, unweit das Böse herrscht. Zu diesen Zeiten geschehen Dinge, die oft weitaus schrecklicher sind als die eigentliche Katastrophe. Bei meinen Recherchen zu ›Das Große Beben‹ stieß ich auch auf mehrere Zeitungsartikel, die sich mit dem seltsamen Phänomen einer brennenden Frau beschäftigten. Es wurde dort von zahlreichen unerklärlichen Hausbränden berichtet, die offenbar in Zusammenhang mit dem Erscheinen einer in Flammen stehenden jungen Frau standen. Damals habe ich dieses Gerede um einen Racheengel lediglich für abergläubischen ›Mumbo-Jumbo‹ gehalten und es nicht einmal in einer Randnotiz erwähnt. An meiner Einschätzung änderte sich nichts, bis ich 1925 zufällig die Bekanntschaft eines jungen Mannes machte. Sein Name war Malcolm DiLucca, ein 32jähriger Fotograf, der einen kleinen Laden drüben in Sausalito besaß. In den Hinterräumen seines Geschäftes hatte er eine kleine Galerie mit Gemälden und Fotografien heimischer Künstler eingerichtet.
  Ich entdeckte das unscheinbare Haus nur, weil mich meine Frau auf der Suche nach einem bestimmten Restaurant durch nahezu jede Gasse des Ortes schleifte. Wir befanden uns damals auf der Rückfahrt von einem Ausflug zum Mount Tamalpais, und ich hatte den Fehler begangen, Clarisse zur Belohnung für ihre Ausdauer ein Abendessen zu versprechen. Das Restaurant fanden wir an diesem Tage nicht, doch in einer schmalen Gasse nahe der Durchfahrtsstraße weckte die Dekoration eines Schaufensters meine Neugierde. Neben einigen typischen Porträt- und Gruppenfotos waren dort auch Ölgemälde ausgestellt worden, Landschaftsbilder in impressionistischer Malweise aber mit starken, grellen Farbkontrasten. ›GALERIA DELLE FOTO DILUCCA‹ stand in goldenen Lettern auf dem Fenster. Ein kleines Schild neben den Gemälden verkündete: ›Weitere Exponate regionaler Künstler im Inneren.‹
  Da ich zu dieser Zeit gerade an einer Artikelserie über die lokale Kunstszene schrieb, notierte ich mir die Adresse. Die kleine Galerie hatte an jenem Tag schon geschlossen, und daher fuhr ich zwei oder drei Tage später erneut hinauf nach Sausalito, um mir die ganze Ausstellung anzusehen.
  Eigentlich hatte ich geplant, das unbekannte Foto-Studio nur kurz in einem meiner nächsten Artikel zu erwähnen. Der gewogene Leser sollte lediglich die Adresse, die Öffnungszeiten und natürlich etwas über die Art und Qualität der Ausstellungsstücke erfahren. Es sollte ein Tipp mit einer Länge von etwa drei Zeilen werden, mehr nicht.
  Als ich den Laden betrat, ahnte ich noch nicht, dass ich hier das Material für gleich ein Dutzend Artikel vorfinden würde. Und eine seltsame Geschichte, die ich niemals veröffentlichen sollte. Der schmale Ausstellungsraum wurde durch viele Oberlichter erhellt und beherbergte etwa 30 Ölgemälde, Aquarelle und Radierungen. Viele der Bilder waren impressionistische Landschaftsdarstellungen, die an Reynold Beal, Dwight Blaney und natürlich an Claude Monet erinnerten, und doch zeigte jedes der Exponate eine ganz eigene Handschrift.
  Ich war begeistert, vor allem auch aufgrund der Vielseitigkeit der Bilder. Zart hingehauchte Küstenimpressionen hingen neben wilden kubistisch-abstrakten Werken, die eines Rockwell Kent oder einer Blanche Lazzell würdig gewesen wären. Mein Notizblock schien kaum genügend Blätter zu haben, um meine Eindrücke aufzunehmen.
  Mr. DiLucca zeigte sich sichtlich erfreut über mein Interesse; als er dann auch noch den eigentlichen Grund für meinen Besuch erfuhr, tänzelte er wie eine aufgeregte Ballerina um mich herum. »Dio mio!«, rief er ständig grinsend aus. »Meine winzige Galerie kommt in den ›Examiner‹. Kaum zu glauben. Dio mio!«
  Nachdem sich die erste Aufregung wieder gelegt hatte, gab mir der junge Galerist bereitwillig Auskunft auf meine Fragen. Mit Erstaunen stellte ich hierbei fest, über welch ein fundiertes Wissen DiLucca bezüglich Kunstgeschichte im Allgemeinen und Malerei und Fotografie im Besonderen verfügte. Auch wenn er selbst bislang kaum weiter als nach Los Angeles gekommen war, so wusste er doch genau darüber Bescheid, wie die Kunstszenen in Orten wie New York, Chicago, Boston aber auch Paris oder London aussahen. Ich erhielt gewissermaßen eine kostenlose Lehrstunde.
  In meiner Einschätzung was DiLucca und seinen Sinn für zeitgenössische Kunst betraf, sollte ich mich nicht täuschen. Nur drei Jahre nach meinen Artikeln errangen mehrere der von ihm propagierten Künstler Preise auf internationalen Ausstellungen. Der junge Mann gab schließlich seinen Beruf als Fotograf ganz auf und zog mit seinen Bildern in eine großzügig geschnittene Halle im Mission District. Zu wahrem Ruhm in der Kunstszene sollte er jedoch niemals kommen; an einem regnerischen Dezemberabend des Jahres 1931 verunglückte DiLucca tödlich mit seinem Wagen. Die Umstände des Unfalls blieben mysteriös … ähnlich wie auch ein weitaus früherer Vorfall in seinem viel zu kurzen Leben.
  Bei jenem ersten Treffen wollte ich die Ausstellung gerade verlassen, als mir der schmale Durchgang zu einem weiteren Raum auffiel. Auf meine Frage erklärte mir DiLucca, dass sich dort einige ältere Fotografien befänden, die die Auswirkungen des großen Bebens dokumentieren würden.
  Mein Interesse war erneut geweckt, doch diesmal mehr aus privaten Gründen. 18 Jahre zuvor hatte ich ein Buch über das Erdbeben geschrieben, und seit dieser Zeit ließ mich das Thema einfach nicht mehr los. Knapp ein Jahr nach der Katastrophe hatte ich kaum mehr als eine kurze Bestandsaufnahme abliefern können. Erst viel später sollte ich Einzelheiten erfahren, die das ganze Geschehen in einem anderen Licht erscheinen ließen. 1928 habe ich viele dieser Informationen in einem zweiten Buch verarbeitet, die Geschichte von Malcolm DiLucca aber behielt ich auch weiterhin für mich.
  Der halbrunde, apsisartige Raum wirkte wie eine Höhle. Oberhalb der Fotografien waren lediglich winzige Lämpchen angebracht worden, die kaum mehr als ein anämisches Gelb verbreiteten. Die bedrückende aber auch sakrale Atmosphäre war den Bildern angemessen. Anders als in der Gemäldegalerie lauteten die Themen hier ›Zerstörung‹, ›Chaos‹, ›Flucht‹ und ›Verzweiflung‹. In ehrfürchtigem Schweigen betrachtete ich die Ruinen des Emporiums und den verkohlten Hügel des ›Russian Hill‹. Ich sah die Feuerhölle der Mission Street und Menschen, die mit all ihrer kläglichen Habe durch die aufgeworfenen und zerrissenen Straßen der Stadt nach Westen flohen. Natürlich waren mir viele der Aufnahmen vertraut, einen Teil der Katastrophe hatte ich schließlich am eigenen Leibe miterleben müssen, doch auch nach all den Jahren hatten die Bilder nichts von ihrer schmerzhaften Eindringlichkeit, von ihrer Trostlosigkeit verloren.
»Eigentlich ein Wunder, dass dabei nur etwa 700 Menschen ihr Leben gelassen haben, nicht wahr?«, raunte mir DiLucca ins Ohr.
  Ich drehte mich zu ihm herum und schüttelte energisch den Kopf. »700? Niemals! Es waren ganz gewiss mehr als 1000, vielleicht sogar deutlich mehr. Es ist jedoch anzunehmen, dass man die wahren Zahlen nie erfahren wird. Die Behörden haben damals alles dafür getan, um die Totenlisten klein zu halten. Wo es nur ging, wurde 'schöngefärbt'. Sie können mir ruhig glauben, doch in jenem April haben sich mit Sicherheit noch viele Tragödien abgespielt, die nie das Licht der Öffentlichkeit erblicken werden.«
  Mein Gegenüber nickte bedächtig. Im Halbdunkel des Raumes konnte ich seine Gesichtszüge nur erahnen.
  »Zuweilen ist es vielleicht aber auch besser, wenn Dinge für immer verborgen bleiben«, antwortete er schließlich.
  Mein journalistisches Gespür ließ mich sofort nachhaken.
  »Dinge? Von was für Dingen sprechen Sie?«
  »Von bösen Dingen.« DiLucca, dem das Thema sichtlich unangenehm war, drehte sich zum Ausgang und verließ langsam die Foto-Krypta. »Von sehr bösen Dingen«, murmelte er dabei leise vor sich hin.
  Hastig folgte ich ihm zurück in die Gemälde-Galerie. Auch wenn mein Verstand bezweifelte, von einem derart jungen Mann Neuigkeiten über das Erdbeben erfahren zu können, so sprach das seltsame Kribbeln in meinem Bauch eine andere Sprache. Möglicherweise wusste DiLucca ja etwas aus zweiter oder dritter Hand, was meinen vielen Recherchen entgangen war. Es sollte das zweite Mal an diesem Tag sein, an dem meine Erwartungen in jeglicher Hinsicht übertroffen wurden.
  DiLucca war vor einem Seestück stehengeblieben und musterte es scheinbar gedankenverloren. Für einige Zeit standen wir nur schweigend vor dem Bild, schließlich wagte ich einen zaghaften Vorstoß: »Waren Sie damals etwa …?«
»Ja«, unterbrach er mich sofort. »Ich war damals 13 oder knapp davor. 1906 lebte ich mit meinen Eltern und drei Brüdern in der Pierce Street, zwischen Waller St. und Duboce Park. Als die Erde bebte, wurde unser Haus stark beschädigt, eine Seite sackte knapp einen halben Meter in den Boden. Verletzt wurde jedoch niemand. Ich habe alles miterlebt, das Beben und das verheerende Feuer, doch das, was mich selbst heute noch in meinen Träumen verfolgt, ist etwas anderes.« Erst jetzt wandte er seinen Blick von dem Gemälde ab und fixierte mich eingehend. »Versprechen Sie mir, nichts in Ihrer Zeitung darüber zu schreiben?«
  Ich bejahte fast ohne Zögern. Falls ich etwas von seinen Erlebnissen veröffentlichen sollte, so würde es nicht in der Tagespresse erscheinen. Ich hatte andere Pläne. Seit einiger Zeit trug ich mich nämlich mit dem Gedanken, ein weiteres Buch über San Francisco zu schreiben.
  DiLucca schien meine Notlüge zu akzeptieren. Nach kurzem Zögern sagte er: »Das, was ich beobachtet habe, hat auch etwas mit Feuer zu tun, es war jedoch etwas anderes als das, was die Mission Street verwüstet hat. Es war gleichzeitig gewaltiger und doch begrenzter, gezielter. Einfach widernatürlich.«
  Da ich befürchtete, jeder Einwand meinerseits könnte seinen Redefluss wieder zum Versiegen bringen, starrte ich ihn nur ungläubig an. Es dauerte dennoch eine ganze Weile, bis er mit seiner seltsamen Geschichte fortfuhr. Und er begann mit einer noch seltsameren Frage: »Haben Sie jemals etwas von der ›Flammenden Jenny‹ gehört?«
  Die Geschichte, die ich hier nun wiedergeben will, ist nicht dieselbe, die mir damals DiLucca erzählte, es basieren jedoch entscheidende Teile – vor allem das Ende – auf ihr. Der Anfang und der Mittelteil sind das Ergebnis jahrelanger Nachforschungen, die ich selbst betrieben habe.
  Ich fand noch andere Menschen, die wie DiLucca der ›Flammenden Jenny‹ begegnet waren. Auf diese Weise erhielt ich kleinste Mosaiksteinchen, die ich mühsam zu einem Gesamtbild zusammengesetzt habe. Das, was ich nicht direkt belegen konnte, habe ich so wirklichkeitsnah wie möglich hinzugefügt, es sind wahre Erfindungen. Das Ergebnis allerdings ist von fragwürdiger Natur. Ich besaß ein vollständiges 'Skelett', doch obwohl ich es mit Haut überzogen und leidlich gut gestopft habe, so weiß ich selbst heute noch nicht, zu welcher Spezies es gehören mag. Engel oder Dämon?
  Am Abend des 17. April 1906 deutete noch nichts darauf hin, welches Unglück wenige Stunden später über die Stadt hereinbrechen würde. Man erholte sich von der Arbeit, trank vielleicht mit guten Freunden ein paar Bier in der nächsten Kneipe oder ergötzte sich an der Darbietung von Enrico Caruso und Olive Fremstad in ›Carmen‹. Vielleicht verhielten sich Hunde und Katzen unruhiger als sonst, doch niemand achtete darauf.
  Kein Mensch beachtete auch Joseph Kendal Radd, der in dieser Nacht über den Jackson Square schlenderte. Seine gedrungene Gestalt, die wild zerzausten Haare und sein stechender Blick hielten selbst die vorlautesten Dirnen davon ab, ihm ein entsprechendes Angebot zu machen. Die leichten Mädchen blickten unwillkürlich in eine andere Richtung, wenn der Mann in dem langen Mantel an ihnen vorüber ging. Manche empfindsamen Gemüter unter ihnen verspürten dabei vielleicht sogar ein unangenehmes Frösteln in der Art eines kurzen, eisigen Windhauchs, doch schon lange bevor Radd wieder in Richtung Van Ness Avenue verschwunden war, hatte ihn jede der Damen aus ihrem Gedächtnis gestrichen.
  Der nächtliche Wanderer störte sich nicht an der fehlenden Aufmerksamkeit, ganz im Gegenteil. Er war sich durchaus seiner fehlenden oder gar abstoßenden Wirkung auf das weibliche Geschlecht bewusst; die Indifferenz, die ihm seine Umwelt entgegenbrachte, erschien ihm mittlerweile aber eher wie ein Geschenk, wie eine Gabe. Noch Jahre zuvor hatte ihn dieser Umstand in tiefste Depressionen stürzen lassen, nun aber genoss er es regelrecht, wenn eine junge Frau hastig seinem Blick auswich. Der Hochmut der Menschen ließ ihn regelrecht unsichtbar werden. Und Joseph Radd tat das, was vermutlich jeder Unsichtbare getan hätte: Er nahm sich ganz einfach das, was er wollte.
  An jenem Vorabend der Katastrophe jedoch sollte seine Suche ergebnislos verlaufen. Stundenlang hatte er die Straßen zwischen Embarcadero und Chinatown durchstreift, doch was ihm begegnete, wollte nicht in sein Beute-Schema passen.
  Radd stand nicht der Sinn nach verkommenen, fetten Huren, sondern nach ›Jugend‹, ›Schönheit‹, ›Unschuld‹ und ›Reinheit‹.
  Er war auf der Suche nach etwas, was die Natur oder der Schöpfer ihm selbst schmächlichst versagt hatten, und er wollte sich auf seine ganz besondere Art dafür bedanken.
  Auf dem langen Weg zurück zu seinem Haus in der Pierce Street malte sich Radd die unterschiedlichsten Szenarien mit sich und seiner zukünftigen Traumfrau aus. Er hatte ganz sicher noch nie ein Bild von Hieronymus Bosch gesehen, die Bilder in seinen Gedanken ließen allerdings selbst die apokalyptischen Visionen des berühmten Malers verblassen. Und dennoch lächelte er.
  Gegen 5 Uhr 12 am nächsten Morgen schlug Radd verwirrt die Augen auf. Es fiel ihm schwer, zwischen Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden, doch er glaubte, Etwas oder Jemand habe an seinem Bett gerüttelt. Da er im schwach erhellten Schlafzimmer jedoch nichts Ungewöhnliches feststellen konnte, ließ er sich stöhnend wieder ins Bett zurückfallen und döste weiter. Diesmal waren ihm nur wenige Sekunden vergönnt. Gleich zu Beginn der schweren Erschütterungen löste sich eine Holzplatte von der Decke und landete recht unsanft auf dem Bauch des Schläfers. Vor Überraschung und Schmerz schreiend, sprang Radd aus dem Bett und presste sich fest gegen den Türrahmen. Um ihn herum schien alles mit Leben erfüllt zu sein. Boden, Wände, Schränke und Stühle schwammen zitternd auf den grollenden Wogen des Bebens. Durch das dumpfe Dröhnen hindurch hörte er, wie in der Küche Geschirr zersplitterte; nur wenig später stürzte direkt neben ihm ein schwerer Garderobenschrank um. Alles schwankte. Nur mühsam hielt er sich im Türrahmen. Die Lampe im Flur pendelte, als befände sie sich auf einem sturmumtosten Schiff.
  Radd begann langsam bis 10 zu zählen. Er war an Erdbeben gewöhnt; als Jugendlicher hatte er 1885 sogar ein recht schweres miterlebt, dieses hier jedoch war eine vollkommen neue Erfahrung. Als er bei 10 angekommen war, vibrierte der Boden noch immer unter seinen Füßen. Die Stöße hatten sogar noch an Stärke gewonnen. Radd schloss die Augen und tat etwas, woran er sich nur schwach aus frühester Kindheit erinnerte: Er betete.
  Die tatsächlichen etwa 47 Sekunden, die das erste Beben dauerte, dehnten sich für ihn und viele seiner Mitmenschen zu unendlichen Minuten. Dann plötzlich hörte es auf.
  Langsam rutschte Radd den Türrahmen hinunter und atmete tief ein. Fast augenblicklich musste er husten, da durch den herabgefallenen Deckenputz viel Staub in der Luft war. Es störte ihn aber nicht; die Schmerzen in seinen Bronchien zeigten immerhin, dass er noch am Leben war.
  Alles blieb ruhig. Als er schließlich aufstand, waren seine Beine das einzige, was noch zitterte. Hastig zog er sich Hose und Schuhe an und inspizierte vorsichtig die entstandenen Schäden. Er wollte Licht machen, doch überall war der Strom ausgefallen. Glücklicherweise war es draußen schon recht hell. Das, was er in der dämmrigen Wohnung erkennen konnte, sah schlimmer aus, als es vermutlich war. Schränke und Bücherborde waren umgestürzt, Geschirr lag in Scherben, doch die Grundsubstanz des Hauses hatte offenbar kaum Schaden genommen. Unangenehm war lediglich, dass im Schlafzimmer und Flur größere Deckenteile aus Stuck und Holz herabgefallen waren.
  Radd war gerade dabei, ins Erdgeschoss hinunter zu gehen, als die Erde erneut bebte. Verdammt, schoss es ihm durch den Kopf. Warum hatte er nur so lange gezögert? Diesmal kam er möglicherweise nicht so glimpflich davon.
  Mit fünf, sechs großen Sprüngen raste er die Treppe hinunter zur Haustür. Noch ehe er den rettenden Ausgang erreicht hatte, war wieder Ruhe eingekehrt. Diesmal hatte das Beben nur wenige Sekunden gedauert. Dennoch zerrte Radd wie wild an der Tür. Ohne Erfolg. Für einen kurzen Moment überfiel ihn ein Anflug von Panik. Durch die Erschütterungen hatte sich die Tür verkeilt, und nun saß er hier gefangen wie eine Ratte.
  »Radd, die Ratte«, kicherte er. Es klang allerdings mehr wie ein Schluchzen. Gleich nach dem Tod seiner Mutter hatte er seinen Namen von Radovanovic in Radd umändern lassen, doch dummerweise war ihm dabei entgangen, welch unangenehmen Klang nun auch sein amerikanischer Name besaß. In diesem Moment erschien er ihm wie eine makabre Prophezeiung.
  Ungläubig hörte er plötzlich das Aufschnappen des Schlosses. Seine blind herumfuchtelnden Hände hatten endlich den zweiten Sicherheitsschieber gefunden, den er in der Aufregung vollkommen vergessen hatte.
  Die Tür öffnete sich so mühelos, als wäre nichts geschehen. Das jedoch, was hinter ihr lag, hatte eine unwirkliche Metamorphose durchlaufen. Vorsichtig trat Radd auf den Bürgersteig. Die Straße sah aus wie ein Schlachtfeld; überall lagen kleinere und größere Steinbrocken und zersplittertes Glas verstreut. Nur etwa 40 Yards von seinem Haus entfernt hatte das Beben die Straße um etwa einen Fuß angehoben und den Asphalt in einer geschwungenen Welle erstarren lassen. Mehrere Sturzbäche suchten sich ihren Weg durch den Schutt. Radd blickte die Straße hinauf. Irgendwo dort oben musste eine größere Wasserleitung geborsten sein.
  Schreie und aufgeregtes Stimmengewirr drangen zu ihm herüber. Die Menschen, die zumeist noch ihre Pyjamas oder Nachthemden trugen, liefen ziellos wie aufgescheuchte Hühner durch das Chaos. Ein zaghaftes Lächeln huschte über Radds Züge. Als erneut ein kurzes Nachbeben einsetzte, wartete er das Ende gelassen ab. Seine Angst war mit einem Mal einem Gefühl der Ruhe und der Freude gewichen. Die Stadt war keineswegs ein Ort der Trauer und Zerstörung; für ihn präsentierte sich San Francisco an jenem Morgen mehr denn je wie eine reich gedeckte Tafel, die nur darauf wartete, von ihm geplündert zu werden. Das grelle Heulen der Sirenen und das Läuten der Kirchenglocken war dabei eine wundervolle Tischmusik. Während Radd sich für den ›Festschmaus‹ fein machte, schallte sein Kichern durch das ganze Haus.
  Um etwa 5 Uhr 50 begann der Mann in dem langen Mantel seinen Streifzug. Es hatte noch zwei weitere Nachbeben gegeben, doch nun schien sich der grollende Erd-Dämon endlich beruhigt zu haben. Die zahlreichen Rauchfahnen, die mittlerweile im Osten der Stadt emporstiegen, bewiesen allerdings, dass das Unglück noch nicht vorüber war. Radd hasste Feuer. Woher diese angeborene Abneigung kam, wusste er nicht zu sagen, doch selbst die Flamme einer Petroleumlampe bereitete ihm Unbehagen. Als er den Rauch entdeckte, entschied er sich daher kurzerhand dafür, in nördliche Richtung zu gehen.
  Die Fillmore Street erwies sich als gute Wahl. Während die benachbarten Straßen stark beschädigt waren und mancherorts bereits kleinere Feuer loderten, schien die Fillmore die Katastrophe nahezu unversehrt überstanden zu haben. Nur selten einmal musste Radd über zerborstene Backsteine oder Dachziegel hinwegsteigen. Da er sich kein festes Ziel gesetzt hatte, nutzte er die Zeit, um das Geschehen um sich herum ausgiebig zu beobachten. Oft blieb er stehen und amüsierte sich über die Hektik seiner Mitbürger. In kopfloser Furcht vor den nahenden Flammen hatten viele Menschen einfach nach dem gegriffen, was sich gerade in ihrer Nähe befand. So sah er einen Mann, der einen Karton voll mit Stiefeln schleppte; eine Frau trug ein Bügelbrett mit drei Bügeleisen und einem leeren Vogelkäfig darauf.

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