JETMad Jerry 3D

Ben Wallace

MAD JERRY

Endzeit-Satire

TASCHENBUCH
240 Seiten
ISBN: 978-3-95835-079-3
eISBN: 978-3-95835-080-9
ERSTERSCHEINUNG: 2015

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BeschreibungAutorMeinungen zum BuchJetzt reinlesen

Die postapokalyptische Welt ist gar nicht so schlimm. Sicher, es gibt Mutanten. Aber für die Menschen in New Hope besteht der tägliche Überlebenskampf nicht so sehr aus der Suche nach Nahrung oder Medizin, viel schwieriger ist es, neue Spieler für ihre Kickball-Teams zu finden.

Dies macht es einem postapokalyptischen Krieger nicht einfach, Arbeit zu finden. Gott sei Dank ist da eine Armee von Mördern und Brandschatzern auf dem Weg in die friedliche Stadt, um sie dem Erdboden gleichzumachen. Nur eine Handvoll ausgebildeter postapokalyptischer umherziehender Krieger kann sie aufhalten.

Gleich zwei haben ihre Dienste angeboten. Einer von ihnen ist eingeladen, zu helfen. Der andere wird zurück in die Einöde geschickt. Doch haben die Stadtbewohner die richtige Wahl getroffen? Werden sie gerettet werden? Und was hat es eigentlich mit den SSB’s, den superschlauen Bären, auf sich?

Finden Sie es heraus, in MAD JERRY, einem rasanten Action- und Abenteuerroman, der in einer erschreckenden Zukunft spielt, die man allerdings nicht zu ernst nehmen sollte.

Fans von Terry Pratchett, Douglas Adams und Monty Python werden ihren Spaß an dieser Apokalypse haben.

»Mad Jerry - Der postapokalyptische umherziehende Krieger ist ein urkomischer, grenz-makabrer Spaß, der es an Gag-Dichte locker mit Romanen von Douglas Adams oder Terry Pratchett aufnehmen kann. Allerdings reiht US-Autor Ben Wallace nicht nur skurrile Situationen und freche Dialoge aneinander, sondern schafft auch ordentlich Spannung. So viel, dass der Roman fast ein bisschen kurz wirkt. Ein witziger, makabrer Endzeit-Spaß, der Genre-Freunde mit der radioaktiven Rasanz von "Mad Jerry" um die Wette strahlen lässt. Ein echter Geheimtipp!« [Christoph Holowaty, Lesering.de]

»Ich will mehr davon! Die Story ist einfach nur cool.« [Amazon Leser]

»… eine absolut gelungene Parodie auf Postapokalypse-Romane mit einem ganz eigenen Humor, den man richtig gut finden kann. Alles ist ziemlich übertrieben und abgedreht, macht großen Spaß.« [Null, leserkanone.de]

»Apokalypse kann auch verdammt lustig sein - nur echt mit dem postapokalyptischen umherziehenden Krieger!« [JanaOltersdorff, lovelybooks]

Jimmy Edwards berührte seine erste Brust in der großen stählernen Scheune, die inmitten der Prärie des nördlichen Texas stand. Es war die Brust eines Mädchens, sie gehörte Susan Gilmore, und die Berührung selbst war ein Unfall gewesen.
  Die beiden hatten auf einer Geburtstagsparty Fangen gespielt. Jimmy war der Fänger und Susan rannte in die Scheune, der Junge dicht hinter ihr. Rennend und kichernd versuchte sie sich zu entscheiden, ob sie sich von dem Jungen fangen lassen sollte oder nicht. Sie fand ihn süß, und ihr Plan bestand darin, sich in die Enge treiben zu lassen und dann vielleicht, nur vielleicht, hier und da ein wenig „fangen“ zu lassen.
Sie hatte ihren Plan ohne die Wespe gemacht. Als sie um die Ecke in die Scheune abbog, flog diese so nah an ihr Gesicht heran, dass sie hätte schwören können, den Luftzug der Flügel an ihrer Nase gespürt zu haben.
Kreischend machte sie kehrt, um der gelbschwarzen Gefahr zu entkommen.
Jimmy, der mit ausgebreiteten Armen dastand, war auf die plötzliche Kehrtwende nicht gefasst. Seine junge Hand füllte sich mit Brust. Er lächelte kurz, als er begriff, was gerade passiert war, dann prallte sein Kopf gegen Susan Gilmores Gesicht. Sie schlug sich die Nase blutig und knallte auf den Zementboden der Scheune.
Die Entschuldigungen sprudelten nur so von seinen Lippen, als er versuchte, ihr aufzuhelfen, aber Susan Gilmore hatte entschieden, dass sie Jimmy nun doch nicht mehr leiden konnte, und schlug seine Hilfe aus. Mit den Händen vor der blutenden Nase und dem Kopf im Nacken rannte sie zurück zu ihrer Mutter.
Jimmy starrte voller Erstaunen auf seine Hände und schwor, sie niemals wieder zu waschen.
Susan erzählte ihrer Mutter plappernd und keuchend von der Wespe und dem Zusammenprall, der ihre Nase blutig geschlagen, wahrscheinlich ihre Schönheit zerstört und ihr künftiges gesellschaftliches Leben gefährdet hatte.
Jimmy suchte seine Freunde auf und erzählte ihnen von der Brust.
Für viele, viele Jahre waren jenes Begrapschen weiblicher Brüste und die gebrochene Nase die einzig nennenswerten Dinge gewesen, die sich in der großen stählernen Scheune abgespielt hatten. Dann war die Welt in die Luft geflogen.
Nach der Apokalypse jedoch vollzog die Scheune eine wundersame Wandlung: vom berüchtigten Tummelplatz, dessen Ruf ihm vorauseilte, zum Verwaltungsgebäude der Stadt New Hope.
Sehr bald hatten Hochzeiten, Taufen, Wahlen, Chili-Wettessen und vieles mehr das unglückliche Ereignis beim Fangenspielen als wichtigste Begebenheit abgelöst.
In ihren nunmehr heiligen vier Wänden wurde der Grundstein für eine Demokratie gelegt und eine Verfassung unterzeichnet. Das Vertragswerk der drei Dutzend Einwohner hatte man gedruckt, gerahmt und an einer der Wände aufgehängt. Freundlicherweise so, dass es das Graffiti überdeckte, welches lautete:
Jimmys flinke Finger, grapschten pralle Dinger. Susan aber kriegt 'nen Knall, findet das nicht ganz so prall.
Von diesem Tag an wurden alle Geschäfte der Stadt aus der großen Scheune geleitet.

***

  »Beruf?«
  »Postapokalyptischer umherziehender Krieger.«
»Herumtreiber also«, sagte der Mann mehr zu sich selbst und kratzte mit einem Bleistift-Stummel auf einem Stück Papier herum.
»Entschuldigung, ich sagte nicht »Herumtreiber“. Ich sagte postapokalyptischer umherziehender Krieger.«
»Ist da ein Unterschied?«
»Da besteht ein ganz gewaltiger Unterschied!«
Roy Tinner wurde zusehends kahl, weigerte sich aber, es zuzugeben. Er saß im Stadtrat und hatte sich vor einer Ewigkeit freiwillig dafür gemeldet, alle Neuankömmlinge zu befragen, die beabsichtigten, ihren Fuß in diese schöne Stadt zu setzen. Und obwohl er untersetzt und deutlich übergewichtig war, sah er sich selbst als einzige und wichtigste Verteidigungslinie der Stadt New Hope gegenüber Bedrohungen wie Einwanderern, Idioten oder der Mischung aus beidem.
»Gut, dann schreibe ich »umherziehender Krieger“.«
»Das trifft es aber nicht. Es muss postapokalyptischer umherziehender Krieger heißen.«
Roy schaute von seinem handgeschriebenen Formular auf. «Hören Sie, Ihre Berufsbezeichnung kann keinen zeitlichen Bezug enthalten.«
»Doch, kann sie.«
»Wer tut so etwas? Niemand. Farmer nennen sich doch auch nicht Prä-Winter-Erntehelfer. Das macht keinen Sinn! Ein Farmer ist ein Farmer, zu jeder Zeit. Das gilt auch für umherziehende Krieger oder … was auch immer.«
  »Guter Mann, ich bin kein Farmer. Ich hätte einer werden können – ich hätte alles Mögliche werden können; beispielsweise jemand, der Wasser reinigt. Ich hätte bei einer Raffineriegesellschaft anfangen können. Ich hätte Plünderer werden können, Jäger, Sammler, postapokalyptischer Zahnarzt … Aber ich habe mich dafür entschieden, postapokalyptischer umherziehender Krieger zu werden. Und um das werden zu können, habe ich mir Fähigkeiten angeeignet, die notwendig sind, um gegen Mutanten, Gifte, Banden und all die anderen Gefahren der Ödnis bestehen zu können. Ich kann in der Großen Wüsten des Westens überleben, am vergifteten Pazifik im Nordwesten oder in Detroit. Ich habe Waffenkunde studiert, Mechanik, Elektronik und Maschinenbau. Ich kann geradliniger schweißen und schießen als die meisten anderen Männer. Ich habe mich eingehend mit Psychologie, Strategie und positivem Denken befasst. Und aus diesen und vielen weiteren Gründen möchte ich Sie bitten, mich unter der Berufsbezeichnung postapokalyptischer umherziehender Krieger zu führen.«
  Die Apokalypse hatte eine enorme Menge an Verrückten hervorgebracht und Roy Tinner hatte genügend von der Sorte kennengelernt. Viele waren angesichts der Zerstörung und des Verlustes von Familienmitgliedern oder Freunden einfach durchgedreht. Andere hatten das Ende der Welt zum Anlass genommen, neu anzufangen, sich selbst neu zu erfinden und ein Leben zu leben, das in einer zivilisierten Gesellschaft undenkbar gewesen wäre.
Eine ganze Menge Leute behaupteten, sie seien berühmte Persönlichkeiten. Wenn ihr Äußeres nicht ganz der jeweiligen Berühmtheit entsprach, gaben sie vor, einer der unzähligen Kampfstoffe aus den Raketen hätte sie entstellt.
Ein paar meinten, sie wären blaublütiger Abstammung. Sie ernannten sich selbst zu Königen oder Königinnen weiter Landstriche oder Bundesstaaten, wenn nicht sogar des Landes oder des Kontinents.
Der Mann, der nun vor ihm saß, behaupte das zumindest nicht. Dieser Herumtreiber glaubte aber jedes Wort, dass er sagte.
Die Verätzungen an seinem Mantel belegten, dass er zahllose Tage im Ödland zugebracht hatte. Abgewetztes Leinen zeugte von Nächten auf Felsen und hartem Boden. Schwielige Hände berichteten von einem Leben voll schwerer körperlicher Arbeit. Und die Gerissenheit in den Augen des Wanderers überzeugten den Statthalter, dass sein Gegenüber nicht verrückt war.
Nicht Stolz, sondern innere Überzeugung hatte den Mann vor ihm dazu angespornt, diesen Titel einzufordern. Das konnte der Statthalter sehen. Diesem Mann ging es um Respekt, wie dem Meister einer Freimaurer-Loge oder einem hochdekorierten Soldaten. Respekt vor dem Handwerk, das er gelernt hatte. Anerkennung für die Hingabe, mit der er in den abertausend Stunden die Fähigkeiten erlernt hatte, die seinesgleichen ausmachten, war alles, wonach er verlangte. Anerkennung nicht nur für ihn selbst, sondern auch die anderen, die wie er waren.
  Der Stadtrat griff nach einem schmutzigen Taschentuch auf dem Schreibtisch und tupfte sich den Schweiß von der Augenbraue, während er den Mann studierte. Roy könnte dem Herumtreiber Respekt dafür entgegenbringen, einen solchen Aufstand wegen des Eintrags in dem Formular gemacht zu haben – aber er musste es natürlich nicht.
  Roy schnappte sich den Bleistift und begann zu schreiben: Umherziehender Krieger.
  »Sie können apokalyptischer nicht schreiben, ist es das?«
  »Natürlich kann ich apokalyptischer schreiben! Wir alle leben jetzt seit sieben Jahren in einer postapokalyptischen Welt. Glauben Sie, ich muss nicht alle nasenlang apokalyptisch schreiben?« Er sah zurück auf sein Dokument und hielt inne.
  »A-p-o-k-a-l-y-p-t-i-s-c-h-e-r.«
  Der Stadtrat atmete geräuschvoll ein, vervollständigte wütend: »-lyptischer umherziehender«, und schrieb dann wie gewünscht die vollständige Beschreibung der Erwerbstätigkeit, wobei er die letzten Buchstaben des Wortes Krieger leicht nach oben ziehen musste, damit sie auf das Formular passten.
  »Name?«
»Suchen Sie sich einen aus.«
»Wie bitte?«
»Nun, natürlich nicht Sie allein. Die Stadt.«
»Wovon reden Sie eigentlich?«
»Die erste Regel im Leben eines postapokalyptischen umherziehenden Kriegers lautet, keinen Namen zu haben. Die Menschen, denen ich helfe, geben mir am Ende einen Spitznamen, ohne nach dem eigentlichen Namen zu fragen.«
»Was?«
»Das ist in Ordnung. Legenden schreiben sich auf diese Art einfacher.«
»Das ist lächerlich.«
»Nein, ist es nicht. Kein postapokalyptischer umherziehender Krieger hat einen Namen.«
»Doch, natürlich.«
»Nein. Hatte der Mann-ohne-Namen einen Namen? Nein, hatte er nicht. Der große Unbekannte trug auch keinen Namen. Und der mysteriöse Fremde ebenso wenig.«
Früher litt Roy Tinner unter hohem Blutdruck. Die Ärzte in der Zeit vor der Apokalypse führten dieses Leiden auf sein Übergewicht zurück und auf seine Neigung, wegen allem möglichen auszurasten. Die Ärzte (sowie der Großteil der restlichen Weltbevölkerung) waren mittlerweile verdampft, geschmolzen, explodiert, verfault oder gegessen worden, aber Roy hielt es für das Beste, sich weiterhin so zu verhalten, als hätte sich an seinem Zustand seit der beeindruckenden Zerstörung der Menschheit nichts wesentlich geändert.
Sich zu entspannen, war ihm noch nie leicht gefallen. Aber er gab sich alle Mühe, seine Genickmuskeln zu lockern und lächelte den Herumtreiber, der ihn zunehmend zur Weißglut brachte, freundlich an: »Also, was schreibe ich denn dann jetzt?«
»Lassen Sie das Feld einfach frei. Sie können den Namen ja später nachtragen, wenn jemand mit einer guten Idee auf den Plan tritt.«
»Ich hätte da schon so eine Idee«, murmelte der Statthalter, als er eine Linie in das entsprechende Feld malte. »Und warum wollen Sie Einwohner der Stadt New Hope werden?«
»Oh, ich möchte kein Einwohner werden.«
»Was tun Sie dann hier?«
»Also, normalerweise funktioniert das so: Ich helfe ein wenig aus, ich sehe nach den Ernten, repariere das Bewässerungssystem, baue etwas mit auf, solche Dinge. Dann wird irgendjemand krank oder wird verletzt. Doch ich stehe meinem Mann, trotze allen Gefahren, erkämpfe mir das Vertrauen der Menschen, krieg' am Ende das Mädchen und mache mich dann wieder auf den Weg.«
Ein Bild in Roy Tinners Kopf zauberte ein aufrichtiges Lächeln in sein Gesicht – das Bild, wie der Herumtreiber draußen vor den Toren der Stadt mit dem Gesicht zuerst auf dem Boden aufschlug. Das würde sich leicht arrangieren lassen, aber der Bürgermeister bestand nun einmal darauf, den Herumtreiber hierzubehalten.
Missmutig verzog Roy die Lippen. Er nahm das Formular vom Tisch und riss es verärgert auseinander.
»Gibt es ein Problem?«, fragte der Herumtreiber.
Tinner grunzte und schob sich zurück. Es ertönte der quietschende Protest eines kaputten Rades, als der Stuhl ein paar Zentimeter zurückrollte und dann ruckartig anhielt. Der abrupte Halt drohte gemäß dem Trägheitsgesetz, den übergewichtigen Mann aus dem Stuhl zu kippen. Aber Gewicht schlug gängige Physik, der Statthalter landete auf den Füßen und stand auf.
»Das war das Anmeldeformular für neue Einwohner. Jetzt brauche ich ein anderes.«
Sein Ziel war ein ramponierter Aktenschrank, aber er achtete darauf, auf seinem Weg an den beiden Plakaten für die Bürgermeisterwahl an der nahe gelegenen Wand vorbei zu kommen. Diese beiden Wahlplakate repräsentierten die frisch gebackene Demokratie in New Hope. Auch wenn sie so aussahen, als würden sie in den Flur einer High-School gehören und nicht Teil einer funktionierenden postapokalyptischen Gesellschaft sein.
Der amtierende Bürgermeister Wilson sah sich seiner siebten Amtszeit gegenüber und versprach auf seinem Plakat „Hoffnung für jedermann“. Dem gezeichneten Portrait des Volksvertreters fehlte es ganz offensichtlich an einem Gespür für Proportionen, aber im Großen und Ganzen entsprach die Darstellung dem Mann, den der umherziehende Krieger am Stadttor getroffen hatte. Der Kandidat machte eine einladende Geste, ein ebenso einladendes Lächeln lag auf seinen Lippen.
Roy Tinner blieb vor dem Wahlplakat von Bürgermeister Wilson stehen, sodass der umherziehende Krieger nur noch freie Sicht auf das andere Plakat mit der Aufschrift „Wählt Tinner“ hatte.
»Die Hoffnung darf nicht sterben«, lautete der ergänzende Slogan unter einem unbeholfen gezeichneten Strichmännchen, welches wohl allem Anschein nach Statthalter Roy Tinner mit verschränkten Armen darstellen sollte. Dicke schwarze Linien über den Augen deuteten auf einen strengeren Kurs einer möglichen Regentschaft hin. Oder auf buschige Augenbrauen.
Roy hatte den Aktenschrank erreicht, kämpfte mit der obersten Schublade und durchsuchte eine Reihe handgeschriebener Formulare. Der Schrank knarzte und ächzte unter dem Schwergewicht, das sich dagegen lehnte. Der Statthalter atmete so schwer wie er sich konzentrierte.
»Wie läuft der Wahlkampf?« Der umherziehende Krieger sah, wie sich die aus mehreren Filzstift-Strichen bestehende zusammengezogene Augenbraue auf Tinners Gesicht spiegelte.
Tinner grunzte und blätterte weiter durch die Akten.
»Wann ist Wahltag?«
Roy sah kurz auf. »Das ist Sache der Stadt« sagte er. Dann leckte er an seinem Daumen, um weiter nach dem benötigten Formular zu suchen.
Der umherziehende Krieger nickte und gab den Versuch auf, eine ungezwungene Unterhaltung zu führen. Aber als sich Roy der nächsten Schublade zuwendete, verspürte er den deutlichen Drang, die Stille erneut zu durchbrechen.
»In einer Stadt wie dieser gibt es sicherlich jede Menge Papierkram.«
Roy grunzte wieder, dieses Mal als Zeichen erfreuter Zustimmung. Jedes einzelne Formular in diesem Aktenschrank war von ihm entworfen worden. Ein letztes Mal benetzte er seinen Daumen und ging fünf weitere Dokumente durch.
»Ah, da ist es ja.« Roy setzte sich wieder auf seinen Stuhl. Mit vier geübten Hüftschwüngen bugsierte er sich erneut an den Schreibtisch heran, auf den er das leere Blatt Papier knallte. »Das Formular für Arschlöcher mit extrem geringer Lebenserwartung.«
»Also hören Sie mal! Ich bin nur hier, um zu helfen.«
»Wie denn?«
»Meine Fähigkeiten sind in vielen Bereichen einsetzbar. Benötigen Sie Antibiotika, die sich in einem feindlichen Gebiet befinden?«
»Nein, Medikamente haben wir reichlich; Penicillin, Schmerzmittel in verschiedensten Stärken.« Roy zählte an seinen plumpen Fingern die verschiedenen Medikamente ab.
»Sterben Ihnen die Ernten weg und Sie wissen nicht, warum?«
»Wir haben Rekordernten.«
»Sind in letzter Zeit Einwohner beim Herumspazieren außerhalb der Stadtmauern auf mysteriöse Weise verschwunden?«
Roy schüttelte den Kopf. »Alle Spaziergänger haben sich ordnungsgemäß abgemeldet.«
»Wie ist es mit …«
»Hören Sie, wir brauchen Ihre Hilfe nicht. Wir kommen klar. Wir brauchen weder Pharmazeuten noch Farmer. Wir haben genug Schweißer und Bauern. Es gibt für Sie nichts zu tun, außer vielleicht …«
Zum ersten Mal, seit er den Herumtreiber begrüßt hatte, entkräuselte sich seine Augenbraue. Roy witterte eine Gelegenheit. Mal ganz abgesehen von den eher nervtötenden Qualitäten schien der Herumtreiber in ausgezeichneter körperlicher Verfassung zu sein. Er war fit, nicht nur für jemanden, der durchs Ödland streifte.
Das Tinner-Titans-Kickball-Team spielte gegen das einzige andere Team der Stadt um die Meisterschaft und brauchte noch dringend einen linken Innenverteidiger. Mrs. Ellison hatte man nach einem unglücklichen Unfall während eines Spaziergangs Anfang der Woche auf die Verletztenliste setzen müssen.
Ein Sieg über die Wilson Wild Ones könnte ihm als Trainer einen gewaltigen Vorteil gegenüber dem amtierenden Bürgermeister verschaffen. Und der Herumtreiber vor ihm könnte genau der Ersatzspieler sein, den er brauchte.
Roy beugte sich nach vorn. »Als postapokalyptischer umherziehender Krieger müssen Sie über eine exzellente Hand-Augen-Koordination verfügen.«
Interessiert beugte sich auch der Wanderer nach vorn und nickte bestätigend.
»Sie durchstreifen das Land – Ihre Oberschenkel müssen überaus kräftig sein.«
Damit ließ das Interesse des Wanderers bereits wieder nach. Er rutsche auf seinem Stuhl herum und nickte deutlich weniger enthusiastisch.
Roy lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Das Rad quietschte. Roy lächelte und entblößte dabei den Traum eines jeden Kieferorthopäden. »Spielen Sie Kickball, Mr. Namenlos?«
»Seit der Grundschule schon nicht mehr, nein.«
Roy tippte mit dem Radiergummi gegen den metallenen Tisch und ließ den Bleistift fallen. »Nun, dann sind wir hier fertig, denke ich. Ich fürchte, in New Hope haben wir keinen Bedarf an nicht-Kickball-spielenden postapokalyptischen umherziehenden Kriegern.«
»Jetzt vielleicht nicht. Aber in dem Moment, wo Sie mich bitten zu gehen, werden die Probleme an Ihre Tür klopfen.«
»Probleme? Was denn für Probleme? Ich weiß nicht, ob Ihnen das bei Ihrer Herumzieherei aufgefallen ist, aber die postapokalyptische Welt ist gar nicht so übel. Tatsächlich mögen wir die Dinge, wie sie hier in New Hope sind. Es ist ruhig. Wir sind alle Nachbarn. Es gibt kein Fernsehen, das uns ablenkt, keinen Konkurrenzkampf, der uns frustriert. Und das Wetter war die meiste Zeit sehr angenehm.«
»Wie ein kluger Mann einmal zu sagen pflegte: Selbstgefälligkeit ist der Weg zum Verhängnis«, meinte der Wanderer.
»Von wem ist das?«
»Von mir.«
»Von Ihnen?«
»Ja, von mir.«
  »Nun, dann sage ich Ihnen: Wir sind alles andere als selbstgefällig. Wir haben unsere Felder selber bestellt, um genug Essen für den Winter zu haben. Wir haben medizinische Vorräte, die jede Art von Erkrankung abdecken, und Ärzte, die uns sagen, welche Krankheit uns gerade plagt. Wir haben ein Dach über dem Kopf, einen Brunnen und ein Filtersystem für unendlichen Nachschub an Trinkwasser. Wir züchten Vieh. Wir haben eine Regierung gebildet. Wir sind alles andere als selbstgefällig – wir sind vorbereitet.«
  »Deshalb sind Sie in Gefahr.«
Man hatte Roy Tinner in seinem Leben schon vieles genannt: Fett, Bastard, und sehr oft fetter Bastard. Viele der Beleidigungen bezogen sich auf Probleme mit der Körperhygiene, andere auf seinen Kleidungsstil, Musikgeschmack oder seine sportliche Leistungsfähigkeit. Einmal hatte man ihn in einer Sprache einen Arsch geschimpft, während ihn gleichzeitig jemand anderes in einer gänzlich anderen Sprache mit Loch tituliert hatte. Nur für eine Sache war er nicht bekannt: besonders geduldig zu sein. In einer anderen Zeit hätte man sein Gesicht im Lexikon neben ungeduldig abgebildet.
Er musste eine Stadt am Laufen halten, eine Wahl gewinnen und dafür sorgen, dass die Tore für Fremde verschlossen blieben. Dieser Herumtreiber hier war reine Zeitverschwendung. Er hieb auf den Tisch und richtete sich zu voller, vernachlässigenswerter Körpergröße auf.
»Sagen Sie mir eines, Fremder. Wer stellt für uns eine Gefahr dar? Psychopathen mit Hockey-Masken? Kannibalen? Killer-Clowns aus dem Weltraum?«
Der Herumtreiber zögerte kurz, bevor er antwortete. »Einige davon, ja. Also, nicht die Clowns, das wird nicht passieren. Die haben sie erfunden. Aber Kannibalen, Psychopathen und so, durchaus.«
»Dann werden unsere Mauern sie zurückhalten. Und solange mir niemand einen überzeugenden Beweis für eine echte Bedrohung liefert, braucht diese Stadt keinen postapokalyptischen umherziehenden Krieger, der unser Essen vertilgt und unseren Frauen nachstellt. Die einzige wirkliche Bedrohung, die wir hier haben, sind Fremde, die in unsere Stadt kommen und uns für dumm verkaufen wollen.«
Der Herumtreiber hob verteidigend die Hände. »Okay, okay. Das ist toll. Keine Probleme, sagen Sie? Fein. Großartig.« Er gab sich geschlagen und wollte gerade gehen, als sich die Wände der metallenen Scheune bogen und polterten und sich eine der Türen öffnete. Es dröhnte noch etwas lauter, als die Tür wieder zuschlug und damit die Ankunft einer bildhübschen Blondine untermalte.
Handgewebter Stoff bedeckte ihren Körper. Es war offensichtlich, dass irgendjemand in dieser Stadt ein außerordentlich talentierter Schneider sein musste, und diese Frau war die bestmögliche Werbung für diese Fertigkeit. Der leichte Stoff umschmeichelte ihre Figur, als sie den Raum auf dem Weg zum Büro des Bürgermeisters durchquerte. Die beiden Männer würdigte sie keines Blickes.
Roy Tinner und der Wanderer schauten ihr hinterher. Der Wanderer setzte sich wieder hin und begann, das Formular auszufüllen: »Wie sieht's aus, brauchen Sie einen guten Schweißer?«

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apokalypse

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