Northern-GothicNorthern-Gothic 3D

Andreas Gruber

NORTHERN GOTHIC

ERZÄHLBAND

PERFECT PAPERBACK
344 Seiten
ISBN: 978-3-95835-077-9
eISBN: 978-3-95835-078-6
ERSTERSCHEINUNG: 2015

KlappenbroschurE-Book EPUBE-Book MOBI

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Der Thriller-Autor Andreas Gruber beschreibt seinen Weg zurück zu den Wurzeln

BeschreibungAutorMeinungen zum BuchJetzt reinlesen

13 fesselnde Geschichten, von Horror bis Phantastik

Fiebern Sie mit, im Wahnsinn einer Irrenanstalt der 50er Jahre oder einer Horror-Klinik in Dresden – begleiten Sie Sheriff Wyatt Earp im Kampf gegen Zombies und blicken Sie in einem verfallenen Bahnwärterhaus in einen unheimlichen Spiegel.
Erfahren Sie, wie man eine tödliche Liebesnacht mit älteren Damen einfädelt und mit einem Mikrowellenherd mordet.
Was passiert, wenn der Komponist Richard Wagner in Paris auf Edgar Allan Poe trifft? Begleiten Sie Sherlock Holmes und Dr. Watson bei der Lösung ihres kniffligsten Falls – oder werden die beiden diesmal scheitern?

Bei Andreas Gruber ist alles möglich!


»Grubers Stil ist rasant, komplex und sorgt immer wieder für überraschende Wendungen.« [Sebastian Fitzek]

»An Andreas Gruber schätze ich vor allem, dass er eigene erzählerische Wege geht – und das atmosphärisch so glaubhaft, so greifbar, dass man ihm bereitwillig folgt.« [Andreas Eschbach]

Andreas Gruber, geboren 1968 in Wien, studierte an der dortigen Wirtschaftsuniversität und lebt als freier Autor mit seiner Familie und fünf Katzen in Grillenberg in Niederösterreich. Mittlerweile erschienen seine Kurzgeschichten in über hundert Anthologien, liegen als Hörspiel vor oder wurden als Theaterstück adaptiert.

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»Fesselnd, einfallsreich, Schauder hervorrufend und damit sehr zu empfehlen.« [Tanja Lottes, Bibliofeles]

»Dreizehn Geschichten, die den Ideenreichtum und das literarische Geschick ihres Verfassers widerspiegeln.« [Hermann Urbanek, Geek Nr. 21]

»Daher können wir nur zu einem Kauf des Werks raten.« [Stefan Cernohuby, Janetts Meinung]

»Zu Recht wird von Andreas Gruber behauptet, er wäre der Stephen King des deutschsprachigen Raumes. Meiner Meinung ist er sogar um einiges facettenreicher.« [Ambermoon, Büchertreff.de]

»Verdammt nochmal! Da sind einige hervorragende Erzählungen drinnen (…) Der Großteil der Geschichten ist tadellos und perfekt pointiert, witzig und ein Vergnügen (…) Lest das Zeug vom Gruber. Es rockt!« [Alexander Dolezal, Kultplatz.net]

»Northern Gothic ist eine Anthologie, die durch ihre Vielschichtigkeit, einem flüssigen Schreibstil und durchweg spannender Unterhaltung glänzt. Wer Andreas Gruber von seiner dunklen Seite kennenlernen will, der sollte sich unbedingt auf diese 13 unheimlichen und phantastischen Erzählungen einlassen.« [Yvy, Was liest du?]

»Andreas Gruber kannte ich bisher gar nicht als Autor von solchen kurzen Sachen, sondern nur von seinen langen Thrillern. Die sind richtig stark, aber hier beweist Gruber, dass er es auch in Kürze kann. Klar, wie das eben bei solchen Sammlungen ist, jede der Geschichten kann man nicht mögen, aber da sind echt ein paar Kleinode dabei, und vor allem sind sie schön facettenreich. Mir hat´s sehr gut gefallen.« [Karambolage, Leserkanone]

»Die aktuelle Kurzgeschichtensammlung Northern Gothic von Andreas Gruber enthält neben einer neuen Geschichte viele bereits in Anthologien erschienene Werke, die nun in diesem Band zusammengefasst erhältlich sind. Und auch wenn ein kleiner Teil der Kurzgeschichten nichts für zartbesaitete Leser ist, kann man hier durch unterschiedliche Genres, Schreibtechniken und Perspektiven weitere Facetten von Grubers Schaffen kennenlernen (…) Dementsprechend können wir Northern Gothic als erklärte Fans von Andreas Gruber nur empfehlen.« [Stefan Haag, Roter Dorn]

»Andreas Gruber schreibt spannend, unheimlich spannend, mit Wendungen, die einen verblüffen und mit offenem Mund zurück lassen. Manchmal ist ein Ende vorhersehbar, oft aber eben nicht. Der Leser darf hier gern sein eigenes Kopfkino einsetzen (…) Dazu gibt es vor jeder Story im Buch von Andreas Gruber ein kurzes Vorwort, wie es zu der jeweiligen Geschichte kam. Aber was hier Realität oder Fiktion ist, selbst da lässt Andreas Gruber seine Leser im Ungewissen. Ich sage nur … KELLER ...« [Yvonne, Literaturschock.de]

»Wer Gruber kennt, kennt auch seinen Stil. Allen anderen sei gesagt, dass er sich flüssig lesen lässt. Keine komplizierten Fachbegriffe verwendet und es stets schafft, den Leser neugierig auf die kommenden Seiten zu machen (…) und lässt sich stets aufs Neue überraschen. Das ist nämlich auch direkt das nächste Lob: Fast alle haben eine Wendung, ein Ereignis oder ein Ende in sich versteckt, was nicht auf den ersten Blick erkennbar ist (…) Daher empfehle ich allen Andreas Gruber Lesern sich dieses Buch auf jeden Fall zu holen und für alle anderen: Unbedingt reinlesen und diesen tollen Autor kennen lernen!« [The Real Kais, Life4Books]

Schießerei am O.K. Corral

DIE EINWOHNER VON TOMBSTONE warfen uns vor, unsere Vormachtstellung auszunutzen. Die Croupiers würden das Glücksspiel in den Saloons manipulieren und mehr als bloß ein Auge zudrücken, wo es uns in den Kram passte. Manche nannten uns Dienstmarken tragende Zuhälter. Nun, vielleicht lagen sie damit nicht einmal falsch.
  Ich habe mich als Bergmann, Glücksspieler und Saloonbesitzer durchs Leben geschlagen, als junger Bursche in der Unionsarmee im Bürgerkrieg gekämpft, später Alkohol geschmuggelt, Schulden gemacht und Steuern hinterzogen – Letzteres nicht zu knapp! Ich habe Maisfelder bewirtschaftet, während eines Viehtrecks nach Fort Laramie gegen Indianer gekämpft und dabei bis zu den Hüften in Blut und Scheiße gestanden. Ich bin mit Wild Bill Hickok in Kansas auf Büffeljagd gewesen und habe als Postkutschenfahrer gearbeitet, wurde dreimal angeschossen, habe Versorgungsgüter für den Bau der Union Pacific Railroad transportiert und bin Ringrichter bei Boxkämpfen gewesen. Yessir! All das habe ich gemacht! Was erwarteten Leute, die so jemanden zum Deputy Sheriff wählten? Einen bibelfesten Samariter? Natürlich war ich kein Heiliger – und meine Brüder schon gar nicht.
  Mein Name ist Wyatt Earp, ich wurde in Illinois geboren und war ein wilder Hund. Yessir! Aber eine Sache veränderte mich: Ich heiratete meine große Liebe Urilla Sutherland. Mit meiner Hochzeit schwor ich dem üblen Leben ab. Ich kaufte ein Haus und wurde sesshaft. Doch schon bald darauf starb Urilla an Typhus. Es ist die Hölle, so zu krepieren. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen und denke heute noch oft an sie. Seitdem hasse ich Ärzte – bis auf einen, aber davon erzähle ich Ihnen später. Nach Urillas Tod arbeitete ich als Polizist in Lamar, stellvertretender Marshal in Dodge City und Deputy Sheriff in Pima County. Mein Bruder Virgil, der alte Hundesohn, wurde U.S. Marshal in Tombstone, und damit begann der ganze Ärger.
  Meine Brüder und ich hatten einige Claims für Silberminen abgesteckt. So wurden Virgil, Morgan und ich reich, aber das passte einigen Leuten in Tombstone nicht – vor allem den Clantons und McLaurys, üble Burschen, die uns schon lange im Visier hatten.
  Die McLaurys hatten der U.S. Army aus Camp Rucker eine Herde Maultiere gestohlen und Virgil hatte die Mistkerle dabei überrascht, als sie das US-Brandzeichen in ein D8 ändern wollten. Kurz darauf waren die Clantons, die eine Ranch in der Nähe von Charleston besaßen, durch die Stadt geritten und hatten einen kräftigen, schönen Rappen dabei. Meinen! Er war mir ein Jahr zuvor gestohlen worden. Einem Mann einen Gaul zu klauen ist wirklich das Letzte! Ab da begannen die Feindseligkeiten zwischen unseren Familien, und die Spannung wuchs bis zum heutigen Tag.
  Vor einigen Stunden, am Morgen dieses 26. Oktobers 1881, verhaftete Virgil den verfluchten Hurensohn Ike Clanton, weil er wieder einmal im Saloon randaliert hatte, nahm ihm seine Knarre ab und verdonnerte ihn zu einer Geldstrafe von 25 Dollar. Eine Kleinigkeit für Ike, da er sich als Viehdieb ständig einen Batzen Geld ergaunerte. Als Ike das Gerichtsgebäude verließ, schwor er Rache an U.S. Marshal Virgil Earp, seinen Brüdern und Freunden. Er drohte damit, uns alle zu töten. Das schloss natürlich mich und sogar den Doc mit ein.
  Gegen Mittag erhielt ich ein Telegramm von Sam Carpenter aus Yuma. Der alte Sam schrieb, dass die beiden Spießgesellen Tom und Frank McLaury sowie Ike Clantons Bruder Bill vom nördlich gelegenen Grand Lake den Colorado River runter geritten waren. Eine üble Gegend, aus der man nichts Gutes hört, wenn man den Ute-Indianern Glauben schenkt. Sam Carpenter hatte zudem erfahren, dass die Geächteten den alten Indianerfriedhof geplündert hatten. Vor ein paar Tagen hatten sie den Grand Canyon verlassen und befanden sich seitdem über Tucson auf dem Weg nach Tombstone. Angeblich sahen sie furchterregend aus. Vermutlich würden sie am Nachmittag hier eintreffen.
  Ich wusste nicht, ob die beiden Familien weitere Mörder, Viehdiebe oder Gesetzlose um sich scharen konnten, aber ich rechnete mit mindestens fünf bis sechs Mann … und heute würde der langjährige Familienstreit endlich ein Ende finden.
  Um halb drei Uhr nachmittags füllte ich die Trommel meiner Buntline Special und steckte sie ins Holster. Der Colt Single Action mit den hölzernen Griffschalen hatte einen besonders langen Lauf und eine dementsprechend große Reichweite. Die würde ich heute garantiert brauchen. Ich zog den Hut ins Gesicht, schlüpfte in den schwarzen Mantel und betrat die Fremont Street. In Tombstone, Arizona, war es kühl an diesem Tag. Wenn sie mich heute abknallten, konnten sie mich mit den frisch polierten Stiefeln, der schwarzen Hose, der goldenen Uhrkette und dem gestärkten weißen Seidenhemd gleich so in die Holzkiste legen. Sie brauchten mich nicht einmal zu rasieren oder mir die Nägel zu schneiden. Ich war bereit, Urilla im gottverdammten Himmel zu treffen.
  Auf dem unbebauten Grundstück im Block 17 lag ein Mietstall, der O.K. Corral. Von hier hatte man eine gute Sicht nach Norden. Dort traf ich auf Morgan und Virgil. Meine Brüder hatten sich ebenso fein rausgeputzt. Vermutlich rechneten auch sie damit, nicht mehr aufzustehen, wenn die Kugeln flogen und unsere Körper in den trockenen Sand fielen. Virgils Marshal-Stern funkelte in der Nachmittagssonne. Er sprach kein Wort.
  Morgan spuckte auf den Boden. Er trug den Hut tiefer als sonst. Seine Gesichtszüge lagen im Schatten. »Die sind überfällig«, sagte er.
  »Die rotten sich zusammen«, antwortete Virgil. Seine Stimme klang trocken. »Heute bringen wir es zu Ende.«
  In weiter Ferne hörte ich ein Pferd wiehern. Aus dem Dunkel der Scheune trat ein Mann. Ein hoch gewachsener, dürrer, aschblonder Kerl. Der Doc zog ein steifes Bein hinter sich her und war mehr tot als lebendig, schwer durch Tuberkulose gezeichnet und abgefüllt mit Alkohol, damit seine Hände nicht zitterten. Er sagte nichts, als er neben mich trat. Ich merkte nur, wie Virgil erleichtert die Schultern sinken ließ und Morgan tief durchatmete. Offenbar schickten sie soeben einen Dank an den Himmelvater, der ihre Stoßgebete erhört hatte.
  Der Doc war der kühnste, schnellste und tödlichste Mann mit einer Waffe, den ich jemals gesehen hatte. Und er war mein Freund. Yessir!
  John Henry Holliday aus Georgia, dessen Ma, Gott hab sie selig, ebenfalls elend an Tuberkulose krepiert war, hatte mir schon zweimal das Leben gerettet. Im September ´78 hatte er mich in Dodge City aus einem Hinterhalt freigeschossen, und mir ein zweites Mal während einer Schießerei mit Bat Masterson in einem Varieté die Haut gerettet.
  Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er sich heute zu uns gesellen würde, aber er tat es, denn irgendwie steckte er in der Sache mit drin. Als wir nach Tombstone gekommen waren, hatte er sich an unserem Silberminengeschäft beteiligt und wurde dadurch in den Krieg gegen die McLaurys und Clantons hineingezogen. Wahrscheinlich bereitete ihm aber auch die Vorstellung Freude, die verfluchten Hurensöhne abzuknallen. Dabei war der Doc kein schießwütiger Kojote. Er hatte das Valdosta Institute besucht, Mathematik, Geschichte, Latein, Französisch und Griechisch studiert, später in Philadelphia sogar noch den Doktortitel gemacht. Tatsache! Eine Zeit lang hatte er als Zahnarzt in Atlanta praktiziert. Erst als auch er an Tuberkulose erkrankt war, zog er in ein trockeneres Klima. Dort begann er zu trinken und professionell Poker zu spielen. Der alte Hundesohn war gut darin und finanzierte sich so seinen Lebensunterhalt. In Dodge City lernten wir uns dann kennen – und dank ihm war ich noch am Leben.
  Fragte sich nur noch, wie lange …
  Kurz nach drei Uhr knirschten Schritte hinter uns. Wir fuhren herum und sahen eine Staubwolke. Die Schatten mehrerer Männer kamen langsam hinter der Scheune hervor. Im nächsten Moment erkannten wir sie. Sie waren zu fünft, schwer bewaffnet, mit zwei Colts an jedem Gürtel.
  Frank McLaury, Tom McLaury, Ike Clanton, Bill Clanton und Billy Claiborne. Sie waren um einen mehr als wir und hatten die Nachmittagssonne im Rücken. Doch wir hatten den Doc an unserer Seite.
  Niemand sagte ein Wort – es gab auch nichts zu reden. Jeder wusste, dass er den anderen tot sehen wollte. Frank McLaury zog als Erster. Noch bevor er den Hahn gespannt hatte, lagen schon beide Colts schussbereit in Docs Hand. Wir zogen wie die Teufel.
  Ich hörte das Krachen. Die Kugeln zischten vorbei, schlugen hinter mir ins Holz und fuhren neben mir dumpf in die Körper von Virgil, Morgan und den Doc. Niemand taumelte zurück, niemand gab einen Laut von sich. Jeder drückte den Abzug seiner Colts. Das Krachen nahm kein Ende. Schon nach wenigen Augenblicken waren wir in eine stinkende und beißende Rauchwolke eingehüllt. Der Doc trat durch den Nebel nach vorne. Ich folgte ihm. Auf meiner anderen Seite gingen Virgil und Morgan zu Boden. Trotzdem schossen sie weiter.
  Schon bald konnte ich nichts mehr sehen, aber ich war sicher, Frank McLaury in die Brust, Bill Clanton in die Schulter und Ike Clanton mehrmals in den Bauch getroffen zu haben. Es kam mir vor wie Stunden, doch das Ganze hatte sich in höchstens einer halben Minute zugetragen. Schnell waren die ersten Trommeln leer. Es klickte. Gut an die fünfzig Schuss waren gefallen.
  Der Doc und ich standen noch. Meine Brüder lagen verletzt im Sand. Billy Claiborne suchte das Weite. Er lief geradewegs in den Sonnenuntergang auf die freie Prärie zu. Der Doc zielte und schoss, verfehlte ihn jedoch. Und dann hatte auch er keine Patrone mehr. Virgil erhob sich als Erster. Er hatte eine Kugel im Bein und eine in der Schulter. Morgan blutete am Handgelenk. So viel ich durch den Rauch sehen konnte, fehlten ihm zwei Finger. Auch er humpelte, nachdem er sich erhoben hatte. Außerdem blutete er übel aus einer Wunde am Hals.
  Als sich die Pulverwolke verzog, sahen wir die McLaury- und Clanton-Brüder im Staub liegen. Keiner rührte sich. Der Doc ging zu ihnen. Während er mit dem Stiefel Frank McLaury in die Seite stieß, füllte er die Trommel seines Colts mit Patronen aus seinem Gürtel.
  Er grinste. »Gute Arbeit, meine Herren. Wir haben die Scheißkerle er…«
  Da schoss Frank McLaurys Oberkörper in die Höhe. Sein Schädel fuhr herum und biss den Doc durch den Stiefel ins Bein. Der Doc schrie auf und ließ die Waffe fallen. Die Patronen tanzten über McLaurys Kopf und fielen in den Sand. Der Doc wollte weghumpeln, doch Frank hatte sich so in seine Wade verbissen, dass der Doc den Körper hinter sich her schleifte.
  Ich hatte bereits nachgeladen und verpasste Frank zwei Kugeln in den Kopf. Er zuckte, und sein Kiefer flog davon. Sein Körper bäumte sich auf. Auch die Arme und Beine der anderen Kerle fuhren durch den Sand, als wären sie an eine galvanische Zelle angeschlossen. Virgil und Morgan hatten ebenfalls nachgeladen und eröffneten das Feuer auf die Hurensöhne. Sie pumpten jede Menge Blei in ihr Fleisch. Bald gab keiner auch nur einen Mucks von sich.
  Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn. Noch nie zuvor hatte ich so hartnäckige Mistkerle gesehen.
  »Heilige Scheiße, Jesus und Maria«, fluchte der Doc, als er seinen Stiefel begutachtete. Franks Zähne steckten noch im Leder. Sie hatten ein faustgroßes Loch hineingerissen. Die Finger des Docs waren blutig, nachdem er sie auf die Wunde gelegt und dabei das Gesicht verzogen hatte.
  Virgil und Morgan humpelten näher, um unser Werk zu betrachten. Wir waren nicht stolz auf das, was wir angerichtet hatten. Die Leichen waren mehr zerfetzt als nötig. Aber wir hatten diesen Krieg nie gewollt. Ich starrte in Bill Clantons tote Augen. Die Pupillen waren nur stecknadelkopfgroß und so rot wie die untergehende Sonne. Ich hatte schon vielen Leichen die Augen geschlossen, aber noch nie so etwas Grauenvolles gesehen.
  Der Doc ging zu Boden, um seinen Colt und die Patronen aufzuheben. Dabei hielt er einen respektablen Abstand zu den Toten.
  »Mögen ihre Seelen in Frieden ruhen«, sagte Virgil. »Doc Holliday, schließ ihnen die Augen!«
  »Du kannst mich mal!«, fluchte der Doc. »Ich fasse garantiert keinen von denen an. Sieh dir bloß die Augen dieser kranken Scheißkerle an!«
  Ich konnte es nicht mit Bestimmtheit sagen, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, der Doc hatte das gleiche Telegramm von Sam Carpenter erhalten wie ich und seine Aussage bezog sich auf den indianischen Friedhof beim Grand Lake.
  Der Doc erhob sich und drehte sich zu uns. Die Sonne blendete uns, daher bemerkte ich nicht sofort, dass sich Bill Clanton aus dem Staub erhob. Ich sah ihn erst, als er hinter dem Doc stand und seine verfaulten Zähne in dessen Hals schlug.
  Der Doc ging sogleich zu Boden. Virgil, Morgan und ich schossen auf den verfluchten Hurensohn, der sich in Docs Nacken verbissen hatte. Wir ballerten jeder eine volle Trommel in Bill Clanton. Doch erst als Virgil mit dem Stiefel gegen Bills Kopf trat, ließ er los und fiel offensichtlich tot um.
  »Verdammte Kacke, Jesus und Maria, so ein Bullshit!«
  Der Doc kroch auf allen Vieren fluchend durch den Sand. Blut lief ihm in langen Fäden vom Hals. Es sah zu komisch aus, aber uns war nicht zum Lachen.
  Ich sage die Wahrheit, so wahr mir Gott helfe. Durch die Rauchwolke sah ich, wie sich die Körper der anderen drei Leichen erhoben. Ich packte den Doc am Kragen seines Ledermantels und zerrte ihn weg. Virgil lud seinen Revolver und eröffnete erneut das Feuer. Eine Minute später hatten wir keine Patronen mehr in unseren Gürteln.
  Zu jenem Zeitpunkt kamen die ersten Bewohner Tombstones zum O.K. Corral gelaufen. Sie waren mit Flinten bewaffnet und schoben sich neugierig um die Scheune.
  Virgil übernahm als U. S. Marshal sogleich das Reden. Während sich der örtliche Arzt um Morgans Wunden kümmerte, packte mich der Doc und raunte mir zu: »Dort rüber in den Schatten!«
  Hinter der letzten Scheune stand sein gesattelter Gaul. Die Satteltaschen waren prall gefüllt mit Wasser, Dörrfleisch und vermutlich Geldscheinen. Im Holster steckte eine langläufige Schrotflinte. Für den Fall einer Niederlage hatte Holliday alles für eine hastige Flucht vorbereitet. So war er nun mal, der Doc!
  Ich stützte ihn. Als wir seinen Gaul erreichten, wischte ich dem Doc den Schweiß von der Stirn. Er war eiskalt. Seine Zähne klapperten. Der Mistkerl hatte gewiss Fieber.
  »Bullshit!«, fluchte er erneut und spuckte auf den Boden.
  Die Wunde an seinem Hals sah schrecklich aus. Das Fleisch hatte sich binnen weniger Minuten zu einem roten aufgequollenen Wulst entzündet.
  »Es geht mit mir zu Ende«, keuchte er.
  Ich ahnte, dass er nicht die Tuberkulose meinte.
  »Red‘ keinen Scheiß!«, widersprach ich, war mir aber nicht sicher, ob der Doc nicht vielleicht doch Recht hatte.
  »Du weißt doch, was man über den Grand Lake am Colorado River erzählt.«
  »Nein«, log ich.
  »Ach, Wyatt«, murmelte er. »Du hast das Telegramm von Sam Carpenter auch erhalten, und ich weiß verdammt gut, dass du die Geschichten der Ute-Indianer kennst. Außerdem hast du mit eigenen Augen gesehen, was gerade passiert ist.«
  Es hatte keinen Zweck, dem Doc und mir etwas vorzulügen.
  Der Doc zog sich in den Sattel. »Es geht schneller als ich dachte.«
  Ich zuckte zusammen, als ich hinter mir weitere Schüsse hörte – das typische Geräusch kurzläufiger Schrotflinten – und das dumpfe Platzen von Fleisch. Offensichtlich war unser Kampf gegen die McLaurys und Clantons noch nicht zu Ende. Gott sei Dank hatten sich die Bewohner Tombstones auf unsere Seite geschlagen.
  Wie zur Bestätigung seiner Worte blickte der Doc kurz auf. Er saß gezeichnet im Sattel. »Besser, du bringst es hier und jetzt gleich zu Ende, bevor noch mehr Unheil passiert.«
  Meine Hand lag auf den hölzernen Griffschalen der Buntline Special. Der Doc hatte zweifelsohne Recht. Immerhin war er der Doc – er musste es wissen! Es jetzt zu beenden wäre die beste Lösung für ihn und alle anderen gewesen, die ihm begegneten, trotzdem haderte ich mit mir. Solange ein Funke Menschlichkeit in seinem Blick loderte, würde ich es nicht übers Herz bringen, ihn wie einen räudigen Köter abzuknallen.
  »Ich gebe dir zwei Tage Vorsprung«, sagte ich schließlich.
  Der Doc lachte hohl. »Und dann?«
  »Werde ich dich finden.«
  »Vermutlich bin ich dann ein anderer und werde mir nicht so leicht eine Kugel in den Kopf jagen lassen.«
  »Wir werden sehen – und jetzt mach, dass du wegkommst.«
  Schüsse knallten.
  Der Doc nickte zum Abschied. »Versprich mir, wenn du mich findest … mach es kurz.« Er nahm meine Hand und presste meinen Zeigefinger auf seine Stirn. »Hierhin. Versprich mir das.«
  Ich löste mich aus seinem Griff und drückte seine Hand.
  »Versprich mir das!«, wiederholte er.
  »Ja.«
  Er lächelte müde. Im Moment war die Tuberkulose sein geringstes Problem. Für einen Augenblick glaubte ich seine Pupillen rot funkeln zu sehen, aber das lag möglicherweise nur am Staub der Prärie oder an der untergehenden Sonne.
Der Doc gab seinem Pferd die Sporen und ritt davon. Ich sah ihm lange nach, bis er in der Staubwolke nicht mehr zu erkennen war. Wahrscheinlich war es ein Fehler gewesen, ihn gehen zu lassen, aber der Doc hatte mir zweimal das Leben gerettet – heute vermutlich zum dritten Mal. Gott war mein Zeuge, ich war ihm das schuldig.
  Er konnte mit dem Colt umgehen wie kein Zweiter. Außerdem war er nicht nur ein Zahnarzt, den die Notwendigkeit zu einem Spieler gemacht hatte, sondern auch ein Gentleman, den die Krankheit zu einem Vagabunden gemacht, und ein Philosoph, den das Leben zu einem bissigen Zyniker gemacht hatte – und darüber hinaus mein bester Freund.
  Doc, ich verspreche dir: Ich werde dich finden oder das, was aus dir geworden ist, irgendwo in Tucson, Wichita, Dodge City oder Iron Springs. Verkriech dich, aber ich finde dich, und dann bringe ich es rasch und schmerzlos zu Ende.
  Ich hörte erneut Schüsse und das Prasseln von Feuer. Der Wind trug den Geruch von Petroleum und verbranntem Fleisch herüber, während entsetzliche Schreie in den rußgeschwärzten Himmel drangen.

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